turus.net fragt: Immer auf die Schmuddelkinder des Ostens?

November 30, 2011 | In: Deutscher Fußball-Bund, FC Hansa Rostock, Fußballfans, SG Dynamo Dresden, Ultras


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Fußballdeutschland kann nach einem gewissen DFB-Urteil scheinbar aufatmen, quasi endlich befreit aufatmen! Befreit? Aufatmen? Befreit aufatmen wovon eigentlich? Denn die nachfolgende Forderung DFB: Nun aber bitte überall hart durchgreifen! und ebenso die Nachricht Dresdner Fußball Museum: Zusammenarbeit mit dem DFB beendet! stehen ebenso im Raum wie gleichfalls der Meilenstein der deutschen Fußballgeschichte und darüber hinaus beispielsweise auch die Frage …

Dresden und Rostock: Immer auf die Schmuddelkinder des Ostens?

Feste drauf! Jetzt wird durchgegriffen. Mit harter Hand soll das Problem im Nordosten unserer Republik gelöst werden. Immer diese ostdeutschen Problemkinder! Gespräche? Wozu? Ein Kind, das freidreht, bekommt Stubenarrest. Basta! Die SG Dynamo Dresden wird aus dem DFB-Pokal verbannt. So einfach ist das! Hm ja, nur das Problem ist: Das weggesperrte Kind wird noch bockiger. Und das Problem bei Dynamo Dresden wird auch kein bisschen kleiner werden. Ganz im Gegenteil. Gut möglich, dass der Riss durch die Republik noch tiefer wird. Klubs in der Region Nordost und der DFB in Frankfurt am Main. Eine Sache für sich.

Das ganze Desaster fing doch bereits nach dem Fall der Mauer an. Dynamo Dresden und der FC Hansa Rostock als einzige Vertreter der einstigen DDR-Oberliga in der gesamtdeutschen Bundesliga. Das war eindeutig zu wenig, das war beschämend. Von einer gleichberechtigten Wiedervereinigung kann im Nachhinein kaum die Rede sein. Schutz für die Klubs in der Region Nordost? Fehlanzeige! Die dortigen Fußballklubs waren Freiwild auf der gesamtdeutschen Wiese. Ausweiden, Ausbluten lassen, den Geiern zum Fraß vorwerfen. Baulöwen und zwielichtige Gestalten brachten manch einen Ostklub an den Rand des Ruins. Viele werden jetzt aufstöhnen. Wird das nun schon wieder alles aufgewärmt? Der arme Osten. Bla, bla, bla.

Fakt ist, das Ganze zieht sich wie ein roter Faden bis in die Gegenwart. Von Gleichberechtigung und Gleichbehandlung spürt manch ein Verein in den neuen Bundesländern herzlich wenig. Nicht von Seiten der Medien und auch nicht von den Verbänden. Vorurteile. Alle über einen Kamm scheren. Sippenhaft. Generalverdacht. Böse Jungs aus dem Osten. Ohne die Zwischenfälle schön zu reden: Schnell schleicht sich das Gefühl auf, dass in Köln und Frankfurt schon mal ein Auge zugedrückt wird. Für Dresden, Rostock & Co gibt es dagegen kein Pardon mehr.

In einem Fanforum war zu lesen, dass die Zwischenfälle beim Spiel FC Hansa Rostock – FC St. Pauli vor allen Dingen einen Grund hatten. Und zwar die seit Jahren aufgestaute Wut. Die Gängeleien und all die Drangsalierungen. Die einseitige Berichterstattung, die manchmal sogar in regelrechte Medienhetze ausgeartet war. Bei jedem Auswärtsspiel die gleiche Leier. Hochsicherheitsspiel. Polizeibegleitung vom Bahnhof bis zum Stadionklo. Eingangskontrollen bis auf Hemd und Schlüpfer. Macht so Fußball noch Spaß?

In Rostock brodelte es bereits seit Jahren. Ultras/Fans des FC Hansa beklagten immer wieder, dass sie keinen, beziehungsweise wenig Rückhalt vom eigenen Verein bekommen. Zudem das ständige Hickhack bei den Auswärtsspielen. Duelle in Dresden, in Cottbus und beim 1. FC Union Berlin? Selten ein echter Grund zur Freude. Gegen St. Pauli entlud sich all die Wut. Zu entschuldigen sind die fliegenden Leuchtkugeln und der Applaus dennoch nicht. Man stelle sich vor, aus jedem bockigen Kind, das mit Stubenarrest belegt wurde, wird ein Gewalttäter oder Psychopath.

Natürlich werden Fußballfans im ganzen Land fragen: Werden die Ausschreitungen beim Revierderby zwischen Borussia Dortmund und dem FC Schalke 04 Folgen haben? Und weshalb wurde bei Fall SG Dynamo Dresden gleich der ganze Verein bestraft? Ist ein Verein nicht völlig machtlos, wenn sich bei Auswärtsspielen Wut und Hass entladen? Was hätte die SG Dynamo denn tun können? Den Gästeblock geschlossen halten? Das wäre Sache der Polizei gewesen. Beim letzten Spiel FC St. Pauli – FC Hansa Rostock legte die Hamburger Polizei Veto ein und gab nur 500 Plätze für Gästefans frei. Letztendlich verzichteten die Rostocker komplett auf Gästetickets. Und in Dortmund? Freies Haus für alle? Zehntausend Gästefans – kein Problem?

Was soll einen das DFB-Urteil nun sagen? Wegsperren sei der richtige Weg? Ab jetzt wird es drakonisch? Kopfschütteln in der ganzen Republik. Selbst bei den Fans der Erzrivalen gibt es Sympathiebekundungen. Dynamo Dresden bestrafen? Ja! Aber ein Ausschluss aus dem Wettbewerb? Das geht zu weit! Wie formulierten es die Fans von Hertha BSC in der Ostkurve des Olympiastadions beim Heimspiel gegen Bayer 04 Leverkusen? “Musterbeispiel Pokalausschluss. Der DFB hat seine eigenen Gesetze.” Das angestimmte “Fußballmafia DFB” schallte unüberhörbar durch das weite Rund. Selbst beim Spiel Jahn Regensburg gegen Rot-Weiß Oberhausen wurde ein Spruchband mit der Aufschrift “Bauernopfer Dynamo. Ein Armutszeugnis des DFB!” auf den Rängen präsentiert.

Und apropos Dortmund. In einem Forum fragte ein User, wie es überhaupt möglich gewesen sei, so viel Pyrotechnik in das Stadion zu bringen? Habe nicht der Ordnerdienst des BVB beim Pokalspiel gegen Dresden komplett versagt? Mit Kopfschütteln nehmen zahlreiche Fans zur Kenntnis, dass der BVB als mit verantwortlicher Hausherr sogar die 8.000-Euro-Strafe anfechten wolle.

Zurück zum Aufhänger dieses Berichts. Gibt es eine Benachteiligung der ostdeutschen Vereine? Das Dresdner Fußballmuseum sieht das in jedem Fall so, denn dieses kündigte am 25. November die Zusammenarbeit mit dem DFB (…)

Ein deutliches Zeichen kam auch aus Hamburg. Das Präsidium des FC St. Pauli hatte erklärt, dass 5.000 Euro an das Fan-Projekt der SG Dynamo Dresden gehen werden. Die gleiche Summe werde an das Hamburger Projekt Fanräume e.V. gezahlt. Da die Zweitligapartie gegen Dynamo Dresden auf Grund des leeren Gästeblocks kein Sicherheitsspiel mehr war, konnte – nicht zuletzt durch den Ausschank von Vollbier – ein Mehrerlös erzielt werden.

Und in Rostock? Die Kogge sei bereits voll Wasser und pfeife auf dem letzten Loch, beklagt ein User in der Hansa-Community. Und nun kamen die “Waldmenschen” und machten mit ihrem Verhalten noch mehr den FC Hansa kaputt. Der Hintergrund: Am Freitagabend [25. November] loderte es beim Heimspiel gegen den 1. FC Union Berlin im Gästeblock lichterloh. Gewiss, es wurde friedlich Pyrotechnik gezündet und es kam zu keinen Ausschreitungen, dennoch liegen in Rostock derzeit die Nerven blank. Auch dort wird befürchtet, dass der DFB schon recht bald mit harter Hand zupackt …

Der Artikel von Marco Bertram wurde – mit einer Anmerkung der turus.net-Redaktion – im Original am 28. November 2011 veröffentlicht. Die Publizierung bei Ostfussball.com erfolgt mit freundlicher Genehmigung von turus.net.


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1 Antwort to turus.net fragt: Immer auf die Schmuddelkinder des Ostens?

[om]

Dezember 1st, 2011 at 08:54

(…) Als etwa der DFB selbst seine gewalttätigen Fans bei einem Auswärtsspiel in der Slowakei nicht in den Griff bekam, war Theo Zwanziger mit ganz anderen Erkenntnissen zum Einfluss der Veranstalter auf die Sauberkeit des Sport zu Stelle: “Wir mussten leider wieder erfahren, dass man solche Ausschreitungen nicht ganz verhindern kann”, sagte er malerisch zerknirscht, “wir müssen uns entschuldigen, aber müssen auch immer wieder darauf hinweisen, dass dies keine Fans sind, sondern Menschen, die die Plattform Fußball für ihre Zwecke missbrauchen”

Bei Dynamo Dresden bleibt nur der Ausschluss, beim DFB nur der Versuch, Zwanzigers Zitate im Nachhinein aus der Welt zu schaffen. Als unser kleines Blog PPQ dem Chef des mächtigen Deutschen Fußballverbandes seinerzeit vorhielt, wie unterschiedlicher Meinung er in gleicher Sache sein kann, schickte uns der Retter des deutschen Fußballs ein paar Anwälte vorbei, die uns bei Androhung einer Strafe von 10.000 Euro untersagte, Zwanzigers Aussagen korrekt zu zitieren.

So sieht er aus, der Kampf gegen Fußballgewalt in den Tribünenbereichen, wo die Selbstzahler sitzen. Dynamo Dresden hat die richtige Größe und die richtige Geschichte, als Lehrbeispiel zu dienen. Kommt es dagegen unter der Regie des größten Sportverbandes der Welt zu gewalttätigen Auseinandersetzungen, dann ist Zufall und kein Fall für das Fernsehen: Bei der volksfestartig heiteren Weltmeisterschaft 2006 gelang es ganz hervorragend, nicht eine einzige Minute Berichterstattung von den Straßenschlachten zwischen Hooligans zu zeigen, die das freundliche Bild der WM nur hätten trüben können. Erst die britische BBC zerstörte später böswillig die Legende von der “durchweg friedlichen” WM.

Damit ist diesmal nicht zu rechnen. Der Einbruch der Wirklichkeit ins Reich des hochglanzpolierten Operettenfußballs der oberen Zehntausend beschränkt sich auf Dresden, dort wird durchgestraft, dass es kracht, damit anderswo alles bleiben kann, wie es ist. Theo Zwanziger selbst hat schon vor langer Zeit alles Notwendige dazu gesagt: “Sport ist nicht nur Kommerz, Sport ist auch Wirtschaft”.

| DFB: Gleich und Gleich gesellt sich nicht | politplatschquatsch.com | 27. November 2011 |

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