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Fundstück des Tages # 273 [Inferno Cottbus, Die Abenteuer der Werner Holt]

In loser Folge dokumentiert Ostfussball.com in dieser Rubrik mehr oder weniger (ost)fußballtangierende Kostbarkeiten der deutschen Schriftsprache – unkommentiert, da die Fundstücke zumeist schon einiges postulieren und mitunter einfach ihrerseits selbst irgendwie vor sich hin sprechen und dabei durchaus manchmal kleine Geschichten erzählen …

Die Abenteuer des Werner Holt ist ein zweibändiger, in den Jahren 1960 und 1963 erschienener Entwicklungsroman des DDR-Schriftstellers Dieter Noll. Die Popularität des ersten Bandes “Roman einer Jugend” zog eine Fortsetzung mit dem Titel “Roman einer Heimkehr” nach sich. Basierend auf dem ersten Teil entstand 1965 eine 165-minütige Schwarzweiß-Verfilmung. In der Polytechnischen Oberschule (POS) der DDR gehörte der erste Band dieses Buches zum Lehrplan und war Bestandteil der bildungspolitischen Erziehung. In einem Beitrag der Lausitzer Rundschau werden aktuell nun Zitate dieser Romanerzählung mit der angeblich rechtsextremen Fußballszene in Ostdeutschland in Verbindung gebracht –

(…) Für den Verfassungsschutz ist es die größte rechtsextremistische Hooligangruppe in Brandenburg. Für den FC Energie Cottbus sind es normale Fans. Dafür, wie sich “Inferno” auswärts präsentiert, fühlt sich der Lausitzer Profiklub nicht zuständig.

Kurz vor dem Start in die neue Spielsaison saßen Geschäftsführung, Fanbeauftragter und Pressesprecher des FC Energie mit den Vertretern der wichtigsten Fangruppierungen zusammen, um sich für die vorherige, “äußerst komplikationslose” Saison zu bedanken. Für die Gruppe “Inferno” saß “Willi” mit am Tisch.

Der Forster gehört nach RUNDSCHAU-Recherchen zu den Rechtsextremisten, die das Brandenburger Innenministerium der kürzlich verbotenen Neonazigruppe “Widerstand in Südbrandenburg” zurechnet. Deshalb gab es am Tag des Verbotes auch bei “Willi” eine Hausdurchsuchung. “Er kam drei Tage später und hat uns das selbst erzählt”, so Energie-Sprecher Lars Töffling. “Willi” habe jedoch versichert, er habe mit diesen Neonazis nichts zu tun.

Lange fährt zu fast jedem Auswärtsspiel und versteht sich dort vor allem als Vermittler, wenn es Konflikte zwischen Energie-Anhängern und Ordnern gibt. Dort sieht er immer wieder auch ein Banner, das “Inferno” bei Auswärtsspielen wie Ende April in Ingolstadt an den Absperrzaun in der Stadionkurve hängt.

Darauf zu sehen sind IC für Inferno Cottbus, die 99 für das Gründungsjahr, ein Sensenmann in einem Kreis und darunter der Schriftzug “Die Halben hol’ der Teufel!” Was der Spruch bedeuten soll, lässt ihn kalt. “Warum soll ich mir etwas dabei denken”, sagt Lange.

Die scheinbar harmlose Zeile stammt aus einem Zitat der Romanfigur Gilbert Wolzow, einem Antihelden in dem antifaschistischen, im Osten früher weitverbreiteten Roman “Die Abenteuer des Werner Holt”. Wolzow hält darin eine flammende Durchhalte-Rede: “Wer … Deutschland in seiner schwersten Stunde im Stich lässt, der ist ein Schweinehund. Alles oder nichts. Die Halben hol’ der Teufel. Wir stehen zum Führer.”

In der Rechtsextremistenszene ist der Spruch von den Halben, die der Teufel holen soll, deshalb weit verbreitet. Er dient als Code für unbedingten Gehorsam, Durchhaltewillen und Führertreue. Die als kriminelle Vereinigung verbotene Szeneband “Landser” verwendete das Wolzow-Zitat als Liedtext. Ein sächsischer Versandhandel von Neonazi-Devotionalien verkauft Schals mit dem Aufdruck: “Die Halben hol’ der Teufel!” (…)

(Film-Szene – YouTube.com)

Quelle im vollständigen Original -> “Verantwortung bis zum Stadionzaun”, Lausitzer Rundschau (Online-Ausgabe), 28. August 2012

Fundstück des Tages # 150 [Ochsen, Esel, Sozialismus, DDR]

In loser Folge dokumentiert ostfussball.com in dieser Rubrik mehr oder weniger ost(fußball)tangierende Kostbarkeiten der deutschen Schriftsprache – unkommentiert, da die Fundstücke zumeist einiges schon selbst postulieren und dabei durchaus bereits ihrerseits sprechen

(…) Am Ende behält der große Vorsitzende Erich Honecker doch recht. Nach einer neuen Untersuchung, die im Internet kursiert, hält den Sozialismus in seinem Lauf offenbar wirklich weder Ochs noch Esel auf, wie es der DDR-Staats- und Parteichef in seinen letzten Tagen im Amt vorhergesagt hatte. Insgesamt listet das geheime Regierungspapier 30 Beispiele für die erfolgreich vollzogene “Wende” (Egon Krenz) des “größer gewordenen Deutschlands” (Helmut Kohl) zum Gesellschaftsprinzip des ehemaligen kleineren Teils auf (…)

1. Verkehrswesen:
– jedes 5. Auto ist ein Skoda
– Trabbi, Wartburg und W 50 fahren immer noch auf den Straßen
– die Straßen sind so kaputt wie 1985
– die Benzinpreise sind auch wie 1985
– S-Bahn fährt nach Notfahrplan
– die Eisenbahn ist nie pünktlich und fast alle Züge sind defekt
– Winterdienst auf den Straßen gibt es nur in Berlin

2. Politik
– Staatsoberhaupt ist eine Frau aus Mecklenburg-Vorpommern
– die Meinungsfreiheit ist eingeschränkt (siehe Tilo Sarazin)
– egal welche Partei (alles Kandidaten der nationalen Front) man wählt, es bleibt alles beim alten
– es gibt wieder Montagsdemos (Stuttgart)
– FDJ-Kundgebungen heißen jetzt Loveparade
– Russland und China sind die stärksten Weltmächte und die USA hoch verschuldet bei China
– in Südamerika entstehen neue sozialistische Staaten
– Firmen bespitzeln wieder ihre Mitarbeiter (Telekom)

3. Wirtschaft
– Saisonartikel wie Streusalz und Schneeschieber sind nur mit guten Beziehungen zur HO oder zum Konsum zu bekommen
– wir sind abhängig vom russischem Erdgas und polnischer Steinkohle
– deutsche Firmen gehören teilweise mächtigen Russen
– es gibt wieder Pfandflaschen und Flaschensammler
– Papier und andere Altstoffe werden wieder gesammelt und gegen Geld abgegeben
– Bierdosen sind sehr selten geworden
– es wird wieder mit Holz und Kohle geheizt
– die ersten Banken sind verstaatlicht (Volkseigentum)
– ein großer Teil des Volkes arbeitet nicht, hat aber volles Einkommen (die Funktionäre heißen jetzt Beamte)
– Warteschlangen vor Schaltern und Kassen sind wieder üblich
– Eltern bekommen wieder Kindergeld

4. Bildung
– Kinder sollen wieder in die Krippe und Kindergarten gehen
– Grundschule und Oberschule werden zusammengelegt (längeres gemeinsames Lernen oder auch POS)
– es soll einheitliche Abiturprüfungen geben
– der Bätschelorr wird wieder ein Inschenör
– der Doktorhut wird für die da oben verliehen, nicht erarbeitet

Foto: ahgz.de

Kleiner Nachtrag der Redaktion von Ostfussball.com:

5. Sport
– Doping im Sport (Radsport) wurde wieder salonfähig gemacht
– Delegierungen im Fußball zu den Ochsen (ähm Bullen) wurden wieder eingeführt
– Fußballvereine werden wieder den Kombinaten (VW, Bayer, Red Bull) angegliedert
– Auch beim DFB wird bald mit Matthias Sammer wieder ein Sachse das Sagen haben
– Erlebnisorientierte Sportsfreunde begrüßen sich wieder mit “Sport Frei”

[Quelle im vollständigen Original -> “Triumpf der Republik, die sie DDR nannten”, politplatschquatsch.com, 28. März 2011]