Nach dem Sicherheitsgipfel: Da geht noch mehr in deutschen Stadien – ein Szenario
Juli 18, 2012 | In: Deutscher Fußball-Bund, Fußballfans, Stadion-Infos, Ultras
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Seit dem Abschluss der so genannten Sicherheitskoferenz des deutschen Fußballs am 17. Juli in Berlin raschelt der Medien-Blätter-Wald enorm und dem zuweilen virtuell vorauseilend plätschert es kommentierend nicht nur hier und da. Eine gewisse Erregung, Aufregung ist aber allerorts fast greifbar. Gut, vielleicht auf der einen Seite eher weniger, als auf der des von besagter Veranstaltung quasi ausgeschlossenen Randpublikums – “Was die Fürsten geigen, müssen die Untertanen tanzen”, steht hernach durchaus fragezeichend im Raum.
Aber warum nur diese Aufregung, warum diese Erregung über die Beschlüsse dieses inszenierten Berliner Gewaltgipfels? Das Ziel ist doch augenscheinlich klar, der Weg dahin nur noch eine Frage der Zeit … oder …? [om] -
Deutschland im Sommer 2012, ein weiterer wichtiger Schritt in der Transformation des Volkssports Fußball ist geschafft.
Während sich die alten und älteren Herren Funktionäre gegenseitig auf die Schultern klopfen, die Polizeigewerkschaften und Innenminister sich die Hände reiben und die Wirtschaftslobbyisten jubilieren, melden sich sogenannte Fanorganisationen negativ zu Wort.
Wie kommt es dazu und was bedeuten die derzeitigen Weichenstellungen für die genannten Gruppen und die Zukunft des deutschen Fußballs?
Der Versuch einer kurzen Bestandsaufnahme und einer perspektivischen Darstellung.
Seit spätestens 2006, durch das grandiose Sommermärchen, sind sich die Mitglieder mehrerer Gruppen und große Teile der Bevölkerung einig: Fußball ist ein gemeinsames, tolles Vergnügen, dass man am Besten auslebt, wenn man sich bunt anmalt, immer positiv ist und kritiklos bei Popcorn und Cola das Spiel genießt. Choreographien und Gesänge kann man noch als merkwürdiges Vergnügen und nette Nebenbeiunterhaltung tolerieren, alles weitere ist aber dann doch zu proletarisch. Der Fußball ist im Wandel – und das ist auch gut so, liebe geschlechtergerechte zahlungsfähige Kunden und Kundinnen.
Vertreter der Polizei weisen immer wieder und lautstark in den überregionalen bekannten Medien, die breite Teile der Gesellschaft erreichen, auf die großen Gefahren und Probleme hin: Auf den Stehplätzen tummeln sich Rechtsradikale, die für ihre braune Sache werben, Schlägertypen, die die Blöcke kontrollieren und mit explosiver Pyrotechnik Woche für Woche Leben gefährden. Polizeibeamte können sich ihres Lebens kaum noch wehren, da die Gewaltspirale sich unaufhaltsam in schreckliche Höhen gedreht hat.
Die sogenannten Ultras oder Hooltras – je nachdem, ob man Anhänger des selbsternannten Ober-Fanforschers Pilz ist, oder halt nicht – haben die Vereine und Blöcke in der Tasche und radikalisieren sich immer mehr. Um diese (falsche) Aussage zu begründen, stellt man munter Statistiken auf, beziehungsweise verdreht sie. Durch freundliche Unterstützung der Massenmedien (Hey, ein Pyrobild, dazu die Worte Chaoten und Bürgerkrieg aufs Titelblatt und die Auflage steigt) werden diese verbreitet. Die Berichterstattung ist in etwa so ausgewogen, wie die bei FOX in den USA, wenn es um den Wahlkampf geht. Die Ultras, Fanorganisationen und deren Unterstützer wären in diesem Bild die Demokraten (für die Medien und Gegner natürlich gleichzusetzen mit Terroristen), die Gegner die Republikaner.
In den Hinterzimmern der Funktionäre (was der Sepp kann, das können wir auch) wird gekungelt, was das Zeug hält. Vertreter verschiedener Wirtschaftslobbys, der Medien, Politiker und Co drücken sich die Klinke in die Hand, denn jeder möchte ja ein Stück vom schmackhaften Kuchen Bundesliga abhaben.
Zwischendurch wird Fanorganisationen pseudomäßig entgegengekommen, nur um diese dann, ohne weiteres Medienecho, am langen Arm verhungern zu lassen. Protestaktionen der Fans werden kaum oder wenig gezeigt und noch weniger beachtet. Ebenso ergeht es den vielen positiven sozialen Aktivitäten der Gruppen; klar, wenn “das Böse” auf einmal nicht mehr böse ist, wird die Welt halt zu kompliziert, das will und kann man der Masse nicht zumuten.
Doch genug der Vorrede, überspringen wir das Thema “Pro Pyro” und wenden uns der von den “bürgerkriegsähnlichen Zuständen”, “der Todesangst” vor den “Taliban der Fans” und der friedlichen Sitzplatz-EM (naja, alles was nicht friedlich war, wurde halt nicht gesendet oder kommentiert, das kommt in der heutigen Medienwelt auf das Gleiche raus, wie “nichts passiert”) geprägten Sommerpause 2012 zu.
Ein neuer Verhaltenskodex muss her! Da sind sich alle einig. Nach Vorbild des Bundestages und des Meldegesetzes macht man das Ganze schön kurzfristig, damit auch ja keiner dazwischenfunkt. Um volle Sicherheit vor Querschüssen zu haben, lädt man erst gar keine Vertreter von Fanorganisationen ein (Oppositionslos etwas durchpeitschen klappt halt besser, wie man am strahlenden Beispiel Nordkoreas sieht).
Die Stadionverbote müssen verschärft werden, ganz klar. Bis zu 10 Jahre Strafe sollten schon sein, wenn jemand auf dem Hinweg zum Stadion eine Dose wegwirft oder mit einem Aufkleber die schönen Plastiksitze oder gar Wellenbrecher verschandelt. Dies alles haben sich die Fans natürlich selbst zuzuschreiben, man reicht ihnen sogar die Hand und verbietet Stehplätze noch nicht, da sie wichtiger Bestandteil der grandiosen Fankultur Deutschlands sind.
Wichtig dabei ist das Wörtchen “noch” und der Hinweis, dass es die Fans selbst in der Hand hätten. Wenn man zwischen den Zeilen liest, heißt das wohl, dass der Plan der Abschaffung schon besprochen ist und in den Schubladen der Betreffenden liegt, jedoch erst dann zur Anwendung kommt, wenn ein, zwei Fehltritte der Fans (dies ist natürlich leicht aufbauschbar und steuerbar durch Medien, Polizei und Funktionäre, getreu dem Motto: haben wir keinen Skandal, stricken wir uns einen) dies öffentlich gut verkaufbar machen.
Der schwarze Peter liegt also schon vorab bei denen, die keinen Einfluss auf den Kodex hatten und deren Anliegen seit Jahren kein Gehör geschenkt wird (außer, um publikumswirksam so zu tun, als ob man bestimmte Dinge überdenken würde). Gehen wir also davon aus, dass ein Stehplatzverbot zur Saison 2012/2013 durchaus realistisch und gewünscht ist, bringt es doch mehr Einnahmen und ein zahlungskräftigeres, unkritischeres Publikum.
Was würde das bedeuten für den deutschen Fußball?
Ich habe mir dazu ein paar Gedanken gemacht und teile jetzt ein n mögliches Szenario mit euch -
Mit Einführung des Verbots rumort es in der Sommerpause 2013 in den deutschen Fanszenen und die Drähte glühen. Verschiedene Ansichten versuchen sich Gehör zu verschaffen, Personen und Gruppen versuchen sich in den Vordergrund zu spielen, einige versuchen sogar große Bündnisse zu schmieden.
Erfolglos.
Einige Szenen boykottieren die Spiele und treffen sich vor den Stadien. Dort kommt es zu regelmäßigen Schlagabtäuschen mit den vor Ort agierenden Polizisten. Diese werden in den Medien überzeichnet und ohne Hintergrund platt dargestellt. Die Stimmung in der breiten Masse ist klar: Gut, dass wir diese Chaoten los sind.
Weitere Szenen agieren nach der Methode “Jetzt erst Recht” und machen mit großen pyrotechnischen Aktionen (von den Medien als Randale, gefährlich und überhaupt schädigend dargestellt) und Spruchbändern (von den Medien nicht gezeigt oder kommentiert) auf ihr Anliegen aufmerksam. Auch hier ist sich die Masse schnell einig: es muss härter durchgegriffen werden. Es hagelt Stadionverbote und Geldstrafen. Einige Gruppen geben den Kampf auf, teilweise durch Auflösung, teilweise durch Anpassung an die Gegebenheiten.
In der Rückrunde 2013/2014 ist die Atmosphäre eine andere, als man sie kannte. Die Verein gehen mehr und mehr dazu über, Animateure zu nutzen und nebenbei Atmosphäre vom Band einzuspielen. Die Zuschauer erhalten Klatschpappen und auch an Choreographien wird gedacht. Erste alteingesessene Fans außerhalb der Fanszenen verlassen die Stadien, die seit Jahrzehnten ihre Heimat waren. Die Preise für immer langweiliger und gleicher werdendes Catering und den Eintritt steigen weiter.
Das Fernsehen, dass erst kräftig von den Änderungen profitierte, bemerkt ab der Saison 2014/2015 deutliche Rückgänge an Zuschauern. Erstaunlicherweise nehmen dafür die Zahlen der Zuschauer in den unteren Ligen mehr und mehr zu. Studien werden in Auftrag gegeben, Imagekampagnen gestartet, doch alles vergebens. Eltern nehmen ihre Kinder nicht mehr mit ins Bundesligastadion, sondern wieder zur Bezirkssportanlage um die Ecke. Die Preise sind dort bezahlbar, das Würstchen frisch gegrillt und die Stimmung urwüchsiger: Fußball halt.
Die Wirtschaft und die VIP ziehen sich zurück, wie sie es nach dem Ende der Karrieren von Graf und Becker im Tennis gemacht haben. Dies liegt an mangelndem internationalem Erfolg der deutschen Mannschaften (financial fairplay wurde nie umgesetzt und die Scheichs in England und Gasmagnaten aus Russland beherrschen die Champions League) und an sinkenden Zuschauerzahlen.
Die Zuschauerzahlen sinken vor allem aus zwei Gründen: Der mangelnde Erfolg gefällt dem modernen Tennispublikum nicht und die alten Fans wollte man nicht oder hat sie vergrault. Zusätzlich sind die Preise für Leute unterhalb der Mittelschicht kaum bezahlbar. Zuletzt ist einfach keine Atmosphäre mehr vorhanden, die Leute dazu bringt, sich die Spiele anzuschauen.
Der deutsche Profifußball wankt seinem Ende entgegen, während die Amateure nie dagewesene Zuschauerzahlen erleben.
2020:
Seit 2019 kommt es zu der grotesken Situation, dass kein Verein in die dritte Liga aufsteigen möchte, da dies nur Nachteile hat. Die DFL reagiert darauf mit einer Umstrukturierung der Ligen nach amerikanischem Vorbild, doch auch PlayOffs und Co helfen nicht mehr. Die Sponsoren, die VIP und die Kunden wandern in Scharen in die unteren Ligen. Schnell geraten die dort herrschenden Verhältnisse in den Fokus der breiten Masse. Pyrotechnik wird gezündet, enthemmte Fans gröhlen, es kommt sogar zu Prügeleien.
2022:
Politiker, Funktionäre und Polizei sind sich einig: Fußball ist ein gemeinsames, tolles Vergnügen, dass man am Besten auslebt, wenn man sich bunt anmalt, immer positiv ist und kritiklos bei Popcorn und Cola das Spiel genießt. Choreographien und Gesänge kann man noch als merkwürdiges Vergnügen und nette Nebenbeiunterhaltung tolerieren, alles weitere ist aber dann doch zu proletarisch. Der Fußball ist im Wandel – und das ist auch gut so, liebe geschlechtergerechte, zahlungsfähige Kunden und Kundinnen.
Fanorganisationen werden nicht angehört …
Dank & Gruß an [Ollowain], dessen Beitrag @ Ultras.ws (18. Juli, 14:22) hier von Ostfussball.com – leicht redigiert – übernommen wurde.
- Gesichtsscanner her? Stehplätze weg? – Da geht noch was in deutschen Stadien (Ostfussball.com, 14. Januar 2012)
- Was von Ultra übrig bleibt – ein Szenario (Ostfussball.com, 21. März 2012)
- Datei “Gewalttäter Sport” – Update (Ostfussball.com, 6. April 2012)
- Kanonenrohre vs. Ultras (Ostfussball.com, 25. April 2012)
- Fußball-Sicherheitsgipfel: Ja, da geht noch was in deutschen Stadien (Ostfussball.com, 17. Juli 2012)
- Fußballfans stören nur, Sicherheitskonferenz – Olé! (Ostfussball.com, 18. Juli 2012)
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3 Antworten to Nach dem Sicherheitsgipfel: Da geht noch mehr in deutschen Stadien – ein Szenario
Jay
Juli 21st, 2012 at 00:30
So, nachdem die Zukunft der Stehplätze wohl besiegelt ist, kommt die Kampagne “Totaler Kommerz” jetzt richtig ins rollen:
-> Ticketpreise: Die Bundesliga ist zu billig
Klar, alle die gegen den Kommerz sind, sind eh alles nur Schwarzseher… Wird schon nicht so kommen etc. etc…
Ich hoffe die mitbestimmenden Kräfte in den dt. Vereinen sind noch stark genug dem ganzen Mist entgegenzuwirken.
Auf Red Bull und ähnliches kann man da leider nicht zählen. Warum wohl?
sachsen7
Juli 21st, 2012 at 07:50
Ich würde gern einen Spendenfond einrichten für die ach so arme Bundesliga … Ticketpreise zu billig? Na klar, sonst noch was … und wieder dieser Vergleich mit Ländern in denen die Preise höher sind. Der Fußball verkauft seine Seele und wird irgendwann nur noch zum Event der Oberschicht? Die “ehrliche” Idee unserer DFB-Greise liegt wohl eher darin begründet, dass jene meinen, dass alle Gewalt & Chaotentum vom “einfachen” Manne ausgeht & so diesen immer mehr aussperrt. Doch Ihr DFB Herren irret, denn bspw. auch in Kreisen der Hools findet Ihr ALLE Schichten der Gesellschaft wieder, angeführt ohnehin von der akademischen Oberschicht. Ein Sicherheitsgipfel ohne Fanvertretung ist wie Sex ohne Partner … na wems Spass macht
ThunderBlaze
August 1st, 2012 at 16:40
Cops wollen Nürnberger Fanszene unterwandern:
http://www.rot-schwarze-hilfe.de/index.php?option=com_content&view=article&id=324%3Aneue-dimension-erreicht-polizei-versucht-v-mann-in-nuernberger-fussballszene-anzuwerben&catid=45%3Ainfo&Itemid=53