Leseprobe: Zonenfussball

September 14, 2011 | In: Blog-Ostalgie, DDR-Ligen, Fußballfans, Hooligans, Rezensionen


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(…) Neben Willmann erzählen 29 weitere Autoren ihre ganz eigenen Geschichten rund und runder über und um das Fußball-Fan-Leben im damaligen ostzonal begrenzten geografischen Raum, mitunter auch darüber hinaus und durchaus bis in die heutigen Tage reichend. Dabei fließt nicht nur (…) rote Brause verbal in Strömen, auch die überschriftliche “Bockwurst mit Senf” kommt zu ihrem mehr oder weniger nostalgischen Recht. Es ist zuweilen fast so, als würde man auf der Zunge schmecken und mit den Augen sehen können, was im Buch zu lesen ist. Chapeau! (…) [Ostfussball.com am 23. August 2011 über "Zonenfussball"]

Leseprobe:

(…) Auf dem Weg zum Stadion schallte der Gesang von den Häuserwänden wider. Rot wie Blut, weiß wie Schnee, wir sind die Fans vom HFC. Kurz vor dem Markt von Halle stießen wir auf eine Gruppe Volkspolizisten. Flaschen flogen aus der Menge. Polizisten suchten Deckung. Eine Flasche traf ein Nasenbein. Aus einer Seitenstraße stürmte Bereitschaftspolizei. Mit Knüppeln gingen sie auf die Fans los. Die Masse geriet in Panik. An einem Bordstein stolperte ich, ging zu Boden. Schuhe und Schienbeine trafen mich im Gesicht. Mein Herz drohte vor Angst auszusetzen. Pisse lief an meinen Schenkeln herab.

Foto: simmons.de

Einen kleinen Moment dachte ich an Christels Spott. Wenn sie mich jetzt sehen würde. Ich klammerte mich an jemandem fest, dessen Herz wahrscheinlich ähnlich raste wie meins. Er wollte mich abschütteln und schlug mit den Fäusten nach mir. Ein Trupp Männer, keiner älter als zwanzig Jahre, schob sich den flüchtenden Fans entgegen. Vorweg stürmte ein Mann mit Sonnenbrille und dunkler Kleidung. Entschlossen griffen sie die Knüppelschwinger an. Die Masse kam zum Stillstand. Ich kam endlich auf die Beine und schaute verblüfft zu, wie der Trupp die Uniformierten in die Seitenstraße zurückdrängte.

Das Wochenende war trist. Magdeburg hatte gewonnen. Die Hausaufgaben waren schnell gemacht. Ich wusch meine Hose, las einen langweiligen Abenteuerroman, spielte Schach gegen mich selbst. Meine Eltern gingen ins Theater. Ich drehte die Radioantenne, bis ich die Nachrichten von NDR 2 empfangen konnte. Die Bayern hatten wieder gewonnen. In Jena rumorte es. Menschen begehrten auf. In der Nacht träumte ich von Christel.

Am Montag hatte der Vorfall aus Halle die Schule erreicht. Die Gerüchteküche brodelte, es sollten sogar Schüsse gefallen sein. Ich erklärte, dass das Blödsinn war. Woher willst du das wissen? Warst du dabei? Ich schwieg. Es war mir zuwider, mit denen zu reden, die mich zuvor bei jeder Gelegenheit beleidigt hatten.

Die nächsten Tage beobachtete Christel mich unauffällig. In der großen Pause verließ sie die langhaarigen Raucher und setzte sich zu mir. Nervös blinzelte ich zu ihr. Sollte ich etwas sagen? Sollte ich mir die Haare wachsen lassen? Lange Haare sind eine Haltung. Habe ich eine Haltung? Ich habe einen Zensurenschnitt von 1,1, nur Biologie machte mir Probleme.

Stehen mir lange Haare? Der Sozialismus will, dass alle Menschen gleich sind. Haben dann alle Menschen lange Haare? Wenn ja, dann sind lange Haare keine Haltung mehr. Mein Erlebnis in Halle gab mir Bedeutung. Das wurde mir bewusst, als ich Christels Augen sah, der forschende Blick, der in mir ein Geheimnis vermutete, das sie nie erwartet hätte. Ich kannte ihre Frage, bevor sie sie aussprach.

Wir wehren uns, erklärte ich. Meine Stimme klang etwas schrill. Wir nehmen das nicht mehr so hin, was hier passiert.

Sie schaute zu den Rauchern, die uns mit Blicken belauerten. Die Schulklingel rief zum Unterricht. Christel lachte glucksend auf. Mehr war nicht nötig. Sie glaubte mir nicht. Ich hatte versagt.

Beim nächsten Heimspiel hatte sich die Stimmung verändert. Die Masse im überfüllten Bahnhof war angespannt, fiebrig, lauernd. Polizei war kaum zu sehen. Es ging das Gerücht, wir würden gefilmt. Mit Video, ganz neu aus dem Westen. Inmitten der normalen Fans gab es etwa 20 Leute, die in Dreiergruppen und in Reih und Glied nebeneinander herliefen. Ihre stakkatohaften, synchronen Schritte hallten wider. Mit jedem Stampfen schrien sie eine Silbe in die nach Pisse stinkende Tunnelluft.

Saa-le-front.

Ich ließ meine Füße den Rhythmus aufnehmen und trat auf den Beton ein, ohne meine brennenden Sohlen zu spüren. Christel verschwand aus meinem Kopf.

Saa-le-front.

Als wir den Tunnel verließen, war ich im Rausch. Ich strotzte vor Kraft. Ich war übermächtig, Teil eines Organismus.

Saa-le-front!

Mehrere Mannschaftswagen schossen wie auf Kommando in die Masse. Die Besatzungen sprangen ab. Die Reihen der Saalefront lösten sich auf. Sie versuchten unterzutauchen. Einigen gelang es, andere wurden auf die Ladefläche eines Lkws gezerrt. Ein Knüppel traf mich am Kopf. Blut lief mir in die Augen.

Als ich am Montag die Schule betrat, konnte jeder die genähte Platzwunde sehen. Um mich herum wurde getuschelt. Beim Schulessen ließ man mir den Vortritt, einer der Langhaarigen bot mir eine Zigarette an. Ich lehnte ab, um mich vor Christel nicht zu blamieren.

Ich ließ durchsickern, in Halle gewesen zu sein. Es habe eine Auseinandersetzung mit den Ordnungshütern gegeben. Von nun an hatte ich ein Geheimnis. Ich wanderte über den Schulhof, genoss die respektvollen Blicke (…)

Ole Giec war in der DDR Arbeiter und ist heute Dramaturg und Autor. Sein Text ist ein gekürzter Vorabdruck aus dem Erzählband “Zonenfußball” (herausgegeben von Frank Willmann, Verlag Neues Leben, 16,95 Euro). [Leseprobe im vollständigen Original -> tagesspiegel.de, 6. September 2011]


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