Fundstück des Tages # 94 [Ede Geyer und Good Bye, Lenin?]

Oktober 5, 2010 | In: BFC Dynamo, Blog-Ostalgie, DDR-Ligen, FC Energie Cottbus, FC Sachsen Leipzig, Fundstück des Tages, Nationalmannschaft, SG Dynamo Dresden, Trainer-Infos


.
Ladbrokees.com - Nr. 1 bei Fussballwetten!
50 Euro kostenlose Wette!
ladbrokes.com >>>

In loser Folge dokumentiert ostfussball.com in dieser Rubrik mehr oder weniger (ost)fußballtangierende Kostbarkeiten der deutschen Schriftsprache – unkommentiert, da die Fundstücke zumeist einiges selbst postulieren, dabei ihrerseits sprechen oder eben auch einfach nur scheinbar Geschichten über die Geschichte erzählen, zuweilen vielleicht auch in teilweiser Ergänzung oder Entgegnung beispielsweise der einen (Leipzig: Budenzauber zur deutschen Einheit) oder anderen (Achim Streich, Ostfußball, blutendes Herz und mehr) oder noch anderen (Terra incognita Ostfußball, Feiergründe?) vormaligen ostfussball.com-Publikation …

(…) Er träumte vom Europapokal, von den großen Stadien des Kontinents, von Titeln und Trophäen. Eduard Geyer war einer der besten Trainer der ehemaligen DDR. Dann kam die Wiedervereinigung und Geyer wurde vom Westen vergessen. Was noch viel schlimmer ist: Er wurde ignoriert. “Das war enttäuschend”, sagt er heute. Es klingt nach einem, der zurück blickt und sagt: “Schaut, was ihr verpasst habt.”

“Wendeverlierer oder Wendegewinner?” Eduard Geyer zögert. Er, der nie um einen Spruch verlegen war, als er noch an der Seitenlinie stand. Der Nachwuchsspieler mit den Nutten von St. Pauli verglich und Schwächen in der Hintermannschaft durch das Aufstellen seiner eigenen Ehefrau zu kompensieren gedachte. “Weder noch”, sagt er dann (…)

Faksimile: ottensmann.blogspot.com

Faksimile: ottensmann.blogspot.com

Als Spieler wurde Eduard Geyer mit Dynamo Dresden Meister und Pokalsieger. Im Europapokal versuchte er, Bayerns Uli Hoeneß zu bewachen. Er war nicht der talentierteste Dynamo-Spieler aller Zeiten, aber vielleicht der Besessenste. Irgendwann nahmen sie ihm in Dresden das Dynamo-Trikot weg und stellten ihn in einem Dynamo-Trainingsanzug vor die Dynamo-Trainerbank.

1989 führte er Dynamo Dresden zum Meistertitel, obwohl der doch vor jeder Saison quasi per Regierungsbeschluss dem Stasiklub BFC Dynamo versprochen war. Der nationale Fußballverband machte ihn zum Nationaltrainer. Er sollte die DDR-Auswahl zur Weltmeisterschaft in Italien führen. Als eine Woche vor dem entscheidenden Qualifikationsspiel gegen Österreich die Mauer fiel, hockte die Mannschaft im Trainingslager vor dem Fernseher. Und dachte an alles, außer Fußball.

“Wir hatten eine viel bessere Mannschaft als Österreich”, sagt Geyer. “Aber leider haben wir unter denkbar ominösen Umständen verloren.” In Wien verdrehten Westverträge den DDR-Spielern den Kopf, über den Schiedsrichter möchte Geyer bis heute nicht reden (…)

Danach war der DDR-Fußball Geschichte. Spieler und Trainer mühten sich ebenso nicht im Nichts zu versinken wie ihr Heimatland. “Ich dachte: Na gut, für dich geht die Trainerlaufbahn weiter”, sagt Geyer. Und so setzte er sich, auf dem vermeintlichen Höhepunkt seiner Trainerkarriere, ins Wohnzimmer und wartete auf einen Anruf aus dem Westen. Doch es klingelte nicht.

“Man wollte die Trainer aus dem Osten nicht. Das war aber nicht nur im Fußball so”, sagt Geyer. Was aus der DDR kam, konnte keinen Wert haben, wurde unbesehen platt gemacht. Auch Rotkäppchen-Sekt und der Grüne Pfeil, die heute wieder ihren festen Platz im vereinten Land haben, standen kurz vor der Abwicklung. “Da wurden zu viele Scharlatane rangelassen. Viele ostdeutsche Funktionäre haben sich angebiedert. Die haben sich lieber einen fünftklassigen Trainer aus dem Westen geholt”, sagt Geyer.

Geyer wollte nicht abgewickelt werden. Er merkte, dass die Bundesliga nicht zu ihm kommen würde. Also musste er zur Bundesliga (…)

In Cottbus ließ Geyer goodbye-lenin-mäßig ein kleines Stück DDR weiterleben. Wo was wie langging, sagte nur einer: Eduard Geyer. Es galt, aus kaum vorhandenen Mitteln so viel wie möglich zu machen. Mit Mangelwirtschaft kannten sie sich ja aus. “Es hat nicht viel funktioniert in der DDR, aber der Leistungssport hat funktioniert”, sagt Geyer. Drei Jahre lang hielt sich Energie Cottbus in der Bundesliga.

In dieser Zeit kultivierte Geyer den Typus des Feldwebels, des Schleifers, des Wüterichs – der Gegenpol zu den Spielerverstehern und PR-geschulten Trainern aus dem Westen. Geyer ließ einen Hauch Nordkorea durch die Bundesliga wehen, die Medien liebten ihn. Daran konnte auch seine Stasi-Vergangenheit nichts ändern, die immer dann ein Thema wurde, wenn der sportliche Erfolg gerade mal ausblieb.

Einige Jahre ging das gut, dann fiel auch in Cottbus die Mauer. Die Bundesliga weckte Bedürfnisse im Fanvolk, Spieler wollten sich plötzlich einmischen, statt nur angeleitet zu werden. Ein gutes Jahr nach dem Bundesliga-Abstieg setzte der Verein Geyer an einem Zweitliga-Novembertag (…) vor die Tür.

Geyer ging für ein paar Monate zum Geldverdienen nach Dubai, arbeitete später noch in Leipzig und Dresden. Seiner Heimat hielt Geyer stets die Treue, notgedrungen. Und so stand er am zwanzigsten Tag der Deutschen Einheit auf der Bühne des Dresdner Schauspielhauses.

Während ganz in der Nähe Tausende Menschen die Wiedervereinigung feiern, hält Eduard Geyer eine Laudatio auf seine sächsische Heimat. Er darf das schönste Sächsische Wort des Jahres präsentieren. Geyer redet vom Fußball als letztem kollektivistischen Erlebnis, hält kurz inne, hört die Trommeln wirbeln: “Bäbbeln”, verkündet er. Die Leute lachen. Bäbbeln heißt soviel wie informell Fußball spielen. “Es lebe der Fußball. Sport frei”, sagt Geyer und tritt ab.

[Quelle im vollständigen Original: "DDR-Trainer Geyer - Vom Westen vergessen", zeit.de, 4. Oktober 2010, 12:43]

Faksimile: glassblog.wordpress.com

Faksimile: glassblog.wordpress.com

“Good Bye, Lenin!” ist ein deutscher Spielfilm aus dem Jahr 2003 (…) [wikipedia.org]

Zur Diskussion im -> Ostforum


.

Comment Form

   

Kategorien

 

Mai 2012
M D M D F S S
« Apr    
 123456
78910111213
14151617181920
21222324252627
28293031