Fundstück des Tages # 71 [DDR, DFB, Ostfußball, RB Leipzig]

August 20, 2010 | In: 1. FC Lok Leipzig, 3. Liga, DDR-Ligen, FC Energie Cottbus, FC Hansa Rostock, FC Sachsen Leipzig, Fundstück des Tages, Fußballfans, RB Leipzig, Regionalliga Nord, SG Dynamo Dresden, Ultras


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In loser Folge dokumentiert ostfussball.com in dieser Rubrik mehr oder weniger (ost)fußballtangierende Kostbarkeiten der deutschen Schriftsprache – unkommentiert, da die Fundstücke zumeist einiges selbst postulieren, dabei ihrerseits sprechen oder einfach nur eine Geschichte zu erzählen scheinen ..

Erinnern Sie sich noch an die DDR? Diesen netten, kleinen Safaripark vor der Haustür, in dem man trotz horrenden Eintrittsgeldes (“Zwangsumtausch”) nicht mal echten Kontakt mit Eingeborenen hatte, sondern stattdessen immer nur Musterexemplare zugewiesen bekam? Der Spielgeld aus Aluminium verwendete? Wo zwar alles irgendwie billiger war als in der Bundesrepublik, aber haben wollte man es trotzdem nicht? Wo jeder eine gesetzlich zugesicherte Arbeitsstelle hatte, auch wenn die nicht unbedingt seinen Fähigkeiten und Neigungen entsprach – und auch, wenn die Stelle längst doppelt und dreifach besetzt war? Und um den man Mauern und Zäune baute, damit bloß niemand ohne Eintritt rein kam – leider sind dann die Exponate selbst stiften gegangen?

Es wird Sie sicherlich nicht überraschen, wenn ich Ihnen jetzt mitteile, dass es die DDR in dieser Form nicht mehr gibt. Okay, die Ampelmännchen haben manchenorts überlebt. Das Ost-Sandmännchen war eh viel witziger als unseres im Westen. Der beste Sekt Deutschlands kommt von Rotkäppchen, da brauchen sich die Jungs im Süden gar nicht aufregen. Und ihre Lieblingspartei haben die DDR-Bürger auch noch über die Wende hinweg gerettet. Jetzt heißt sie zwar anders, der Inhalt ist aber der gleiche.

Dass diese Partei ohne Programm und Ideen, dafür aber mit viel Ideologie, uns in den gesamtdeutschen Parlamenten mit ihrer penetranten Anwesenheit und ihrer billigen Stimmungsmache nervt, haben wir Wessis uns allerdings redlich verdient. Denn, so richtig ernst genommen haben wir den Osten doch nie. Was wir Wessis aber nicht nur nicht zu schätzen wussten, sondern aktiv kaputt gemacht haben, ist die Fußballszene zwischen Rügen und Chemnitz! Als die DDR-Oberliga 1991 ihre Pforten schloss, standen die Vereine vor einer komplett unbekannten Zukunft. Plötzlich war man keine staatlich geschützte BSG mehr, sondern musste sich als Proficlub mit den West-Vereinen messen – auf einem Feld also, auf dem der Gegner unendlich viel Vorsprung hatte.

Damit es nicht zu einfach mit dem Eingewöhnen geht, hatte sich der DFB damals eine witzige Regelung ausgedacht: Von den 14 Erstligisten des ehemaligen FIFA-Mitglieds DDR wurden ganze zwei (Dynamo Dresden, Hansa Rostock) in die Erste Bundesliga eingereiht – sechs weitere Clubs durften sich in der dann zweigeteilten Zweiten Bundesliga versuchen. Für die letzten sechs (ist das eigentlich weltweiter Rekord?) blieb nur der Gang in die Drittklassigkeit. Ein Absturz ohne Netz und doppelten Boden. Erholt hat sich davon bis heute kaum einer der Vereine (…)

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Kölner Banner am 16. März 2005 im Dresdner Rudolf-Harbig-Stadion (Foto: wh96.com)

Doch es kam noch schlimmer für den Ostfußball: In einem Anfall reinster Reformwut machte sich der DFB jetzt daran, sein bis dahin hervorragend funktionierendes Drittligasystem umzugraben. Über Jahre hatte sich der breite Unterbau in Form der Amateur-Oberligen bewährt, als erste Bewährungsprobe für Talente ebenso wie als Auffangbecken für Zweitligaabsteiger. Durch die vielen regionalen Derbies waren die Stadien ordentlich gefüllt, dazu waren die Anreisen nie zu groß. Mit Ausnahme der Oberliga Nord vielleicht, denn hier spielten die Clubs aus Niedersachsen, Bremen, Schleswig-Holstein und Hamburg. Aber dieser Besonderheit hatte man beim DFB in besonneneren Zeiten Rechnung getragen: Aus der Oberliga Nord durfte nicht nur der Meister, sondern auch der Zweitplatzierte an der Aufstiegsrelegation teilnehmen.

Mit dieser realistischen Einschätzung der Gegebenheiten war Schluss, als sich die Süd- und Westlobbyisten im DFB mit ihren Plänen für die neue dreigeteilte Regionalliga durchsetzen konnten. Denn plötzlich sollten nicht mehr regionale Verteilungsschwerpunkte (Vermeidung von weißen Flecken auf der Fußballkarte) ausschlaggebend sein, sondern schnöde Zahlen. Genauer: Die Anzahl der Mitgliedsvereine in den jeweiligen Landesverbänden. Denn da hatten Süd und West die Nase vorn. Der Norden, der nicht so dicht besiedelt ist, wurde da schon merklich abgehängt. Ganz schlimm traf es aber auch hier wieder den Osten: Über Jahrzehnte konnte hier nach dem Willen der volkseigenen Partei SED keine Sportvereinsstruktur entstehen. Jetzt präsentierte ausgerechnet der DFB den Clubs dafür die Rechnung. Geht es noch ignoranter? (…)

(Nicht nur) Für die traditionsreichen Ostvereine wurde der Weg zurück in die oberen Ligen immer schwerer: Im Jahr 2000 wurden die bisherigen vier Regionaligen zusammengefasst in zwei: Die Regionalliga Nord und die Regionalliga Süd. Und um seine Abkehr von der breiten Basis komplett zu manifestieren, schuf der DFB zur Saison 2008/09 sogar eine eingleisige Dritte Liga! Der gehörten zum Auftakt übrigens ganze fünf Teams aus dem Osten an. Zeitgleich spielten in den beiden Bundesligen lediglich Hansa Rostock (2. BL) und Energie Cottbus (1. BL) als Ostteams mit. Man muss kein großer Mathematiker sein, um nachrechnen zu können, dass hier einiges nicht stimmt. Seine Fürsorgepflicht hat der DFB mindestens bei den Vereinen aus dem ehemaligen DFV-Gebiet jedenfalls nicht erfüllt.

Tja, und kürzlich hat sich auch noch Kunstbrausehersteller Red Bull dazu entschieden, im Ostfußball mitzumischen. Dem Fünftligisten SSV Markranstädt, unmittelbar vor den Toren Leipzigs gelegen, hatten die Österreicher kurzerhand das Startrecht für die Liga abgekauft. Nach dem Salzburger Vorbild (hier hat Red Bull erst den SV Austria aufgekauft, dann komplett umgekrempelt, sämtliche Traditionen hinweg gewischt und letztendlich die ursprünglichen Fans rausgeekelt) soll hier ein Bundesligist entstehen. Direkt vor den Augen der Fans des 1. FC Lok und von Chemie (Sachsen) Leipzig!

Die PR-Maschinerie der roten Bullen läuft seit Übernahme des Startrechts des SSV Markranstädt auf Hochtouren. Man wird nicht müde, seine guten Absichten zu betonen (“Leipzig aus dem Fußballschlaf wecken”, “Lokale Fußballtalente fördern”) und sich als Opfer unverständlicher Aggressionen zu präsentieren. Da wird dann schonmal ein Freundschaftsspiel abgesagt, weil es angeblich Drohungen gegeben habe. Beste Werbung für die Chemiebrause!?

Aber das scheint die Zukunft des Fußballs zu sein – geklonte Plastiktruppen, direkt aus den Reagenzgläsern der Fußballindustrie. Was in Wolfsburg und Hoffenheim so gut funktionierte, wird auch in Leipzig aufgehen. Leider.

pussy_sic

[Quelle im vollständigen Original -> Wie der DFB den Ostfußball abwickelt, Leopedia (Fußball interessiert uns nicht!), 19. Juli 2010]


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11 Antworten to Fundstück des Tages # 71 [DDR, DFB, Ostfußball, RB Leipzig]

Martin

August 23rd, 2010 at 09:45

Ich wollte nur mal diesen Link hier an euch senden: http://www.zdf.de/ZDFmediathek/hauptnavigation/startseite/#/beitrag/video/1119276/Aufmacher:-Bundesliga. Geht zwar hauptsächlich um die allgemeine Kommerzialisierung im Fußball, aber bei Minute 4:11 gibt der Mann von 11Freunde einen schönen Kommentar zwecks RB ab.

Gruß Martin

admin

August 23rd, 2010 at 11:07

Danke Martin,
das ist eine sehr klare Positionierung des bekannten Fußball-Magazins 11Freunde, welches auch unsere Redaktion natürlich sehr zu schätzen weiss.

MikeRohsoft

August 23rd, 2010 at 13:39

Es nervt langsam.

In den letzten 20 “Fundstücken des Tages” ging es 14 mal direkt oder indirekt um RB Leipzig. Habt ihr bei Ostfussball.com nix anderes mehr zu tun? Als wenn Ostfussball nur aus RBL besteht.

[ab]

August 23rd, 2010 at 14:14

Wenn es nervt, hat es den Zweck auf unserer Webseite durchaus erfüllt.

Jedoch geht es im obigen Fundstück viel mehr um eine Einschätzung der hausgemachten Probleme durch unseren Verband im Ostfußball, als um die neuerlichen Experimente eines großen Konzerns in Leipzig. Natürlich kommt man mit einer Einschätzung des Ostfußballs im Jahre 2010 nolens volens nicht am künstlichen Produkt RB Leipzig vorbei. Wenn ich es richtig lese, wurde der Beitrag nicht von einem Ostdeutschen geschrieben?

MikeRohsoft

August 23rd, 2010 at 15:12

Is doch sch.. egal wer den Beitrag geschrieben hat. Mir ist nur aufgefallen das es hier fast nur noch direkt oder indirekt um RBL geht.
Zitat Martin: “bei Minute 4:11 gibt der Mann von 11Freunde einen schönen Kommentar zwecks RB ab”
Und den admin freuts natürlich, obwohl es bei dem Bericht eigentlich um kommerziellen Fussball allgemein ging. Hauptsache wieder nen Schnipsel zu RBL gefunden.
Ich finde es einfach nur schade das man sich hier auf einen Verein eingeschossen hat und andere Ostvereine um die es hier eigentlich auch gehen soll nur noch eine untergeordnete Rolle spielen.

admin

August 23rd, 2010 at 15:39

Sollte man RB Leipzig etwa als Ostverein ausgliedern?

Stand ja schon mal zur Debatte, als man sich heimlich in die Regionalliga Süd verdrücken wollte und der DFB nicht mitgespielt hatte.

Die Minute 4:11 ist im Videobeitrag des ZDF besonders wichtig, denn statt gekaufter Super-Illu-Helden gibt es die ungeschönte Stimme des Volkes zu hören. Dafür gibt es ein ausdrückliches Lob von mir. Dieser Videobeitrag hätte ja fast schon wieder einen seperaten Platz in einem unserer Fundstücke verdient.

Ein Münchner aus LE

August 23rd, 2010 at 15:48

Muss Mike zustimmen, es geht nur noch um die Versager-Söldner von RBL!

Da spielt Aue in der zweiten Liga, und keinen interessiert es?

Natürlich spalten die RBL-Söldner den Ostfußball, aber es ist doch am Ende für die nur Werbung, auch wenn die in der Realität Regionalliega angekommen sind, wo der Wind stark entgegen weht.

MikeRohsoft

August 23rd, 2010 at 18:58

@admin
Man soll RBL nicht ausgliedern, aber es gibt eben noch mehr Mannschaften. Ihr könnt sonst die Seite auch “Anti-RBL.de” nennen.

Und was die stimme des Volkes ist, entscheidet immer noch das Volk und nicht du.
Es gibt sowohl bei den Fans als auch unter Sportlern Gegner und Befürworter.

Seit einfach etwas objektiver und berichtet ab und zu auch mal über was anderes, diese Website war nämlich mal richtig gut.

[om]

August 23rd, 2010 at 19:13

So ein Fundstück existiert ja bereits – ohne Zutun von ostfussball.com – und wird lediglich hier und da aufgestöbert. Merkwürdiger Weise beschäftigen sich andere – welch ein Zufall, wiederum ohne Zutun von ostfussball.com – scheinbar auch mit dem Gebilde RBL.

Hosenhobel

August 23rd, 2010 at 19:46

Netter Bericht aus der Mediathek, aber vollkommen an der Realität vorbei. Es reicht der Blick über den großen Teich zum großen Bruder um zu sehen, wie es weitergeht. Kommerz überall, Milliardenspiele und -Geschäfte. Davon ist weder der Nummer 1 Sport kaputt gegangen noch wird sich “grausend” abgewandt.

Wer Kommerz im Fußball nicht mag, kann gerne die Teams in den unteren Ligen besuchen, wer sich damit abgefunden hat und auch auf seichten Event und Unterhaltung steht, wird in den Kommerzschüsseln sein Glück finden. Beide Seiten haben ihren Reiz und werden ihr Publikum finden.

admin

August 25th, 2010 at 09:08

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