Fundstück des Tages # 68 [DFB-Pokal in Leipzig und die Geiselhaft bei der Fußball-RAF]

August 16, 2010 | In: 1. FC Union Berlin, DFB-Pokal, Fundstück des Tages, Fußballfans, Hallescher FC, Ost-Derbys, Stadion-Infos, Videos


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In loser Folge dokumentiert ostfussball.com in dieser Rubrik mehr oder weniger (ost)fußballtangierende Kostbarkeiten der deutschen Schriftsprache – unkommentiert, da die Fundstücke als solche zumeist selbst einiges postulieren und dabei einfach ihrerseits sprechen …

(…) Es ist immer das alte Lied, immer dieselbe Melodie, immer wieder sonntags. Großkampftag für die Polizeifliegerstaffel, alles, was Räder hat, rollt, es ist Herbst 1989 in Leipzig, Ausnahmezustand wie damals, als die Montagsmarschierer ihren Staat abschafften. Dabei ist nur die erste DFB-Pokalrunde zu Gast in der Messestadt, in die der Hallesche FC mit seinen Heimspielen ausweichen muss, weil Sachsen-Anhalts Kulturhauptstadt kein Stadion mehr hat. Sachsen ist gewappnet. Alles ist abgesperrt, umgeleitet, auf Zuschauervermeidung konzentriert. Es gab keinen Vorverkauf und es gibt keine Tageskassen, dafür aber Polizeifahrzeuge und Postenketten wie beim Trachtentreffen der Uniformfetischisten. Eine Kette Wasserwerfer ist vor dem Stadionportal aufgefahren, als sei die nächste Revolution im Bauernkalender auf diesen Sommersonntag ohne Sommersonne terminiert.

9.000 haben sich dennoch durchgekämpft in das alte Zentralstadion, das zu Ehren eines österreichischen Self-Made-Millionärs neuerdings Red-Bull-Arena genannt werden soll. Die Quoten stehen vor dem Anpfiff fünf zu eins gegen den Viertligisten, der noch nie eine zweite Pokalrunde erreicht hat. Doch gewinnen muss auch Union auf dem Platz – und schon nach in der ersten Viertelstunde, die beide Fanblocks nutzen, um schweigend und mit pantomimischem Armschwenken gegen den in der umfassenden Staatssicherheitsstrategie gewitterten “Ausverkauf der Fankultur” zu protestieren, ist klar, dass das nicht einfach werden wird. Im Stadion ist trübes Licht, die Gegentribüne ist aus Sicherheitsgründen leer, die 40.000-Mann-Arena erfüllt eine Stimmung wie beim Totentanz: Die Kommandos auf dem Platz sind das lauteste Geräusch im weiten Rund, in dem viel Fußball auch nicht passiert (…)

(…) Sechs Minuten bis zur Pause, sechs Minuten, die Union nutzt, sich weiter von brotloser Kunst zu ernähren. So gewinnt man nicht, nicht einmal gegen eine Mannschaft, deren DFB-Pokalbilanz finster ist wie der Blick der acht Dutzend Volkspolizeihauptwachtmeister, die aus dem fanfernen zweiten Oberrang versuchen, etwaige Ausschreitungen durch Gruppengucken zu verhindern (…)

(…) Die Begegnung ähnelt täuschend einem WM-Vorrundenspiel, das vor allem niemand verlieren will. Immerhin aber sorgt die Anzeigetafel für gute Laune im halleschen Block. Die Berliner sind inzwischen wieder zum stummen Protest zurückgekehrt – keine Gefahr mehr für Land und Leute. Weshalb eine halbe Kompanie Polizei in schußsicheren Raumanzügen auch erstmal in den neutralen Block einmarschiert, in dem die älteren HFC-Anhänger mit ihren Söhnen sitzen. Wolln doch mal sehen, ob sich nicht doch irgendwer provozieren lässt!

Aber klar, immer. Seit Jahren schon hat eine Kamarilla aus Halbhirnen den Fußball in Mitteldeutschland in Geiselhaft genommen wie einst die RAF den Arbeitgeberpräsidenten Schleyer. Nur mit mehr Erfolg: Die wirre Truppe aus männerbündisch organisierten Vollzeitchaoten hat den Staat mit Silvesterfeuerwerk und Steinwürfen in die Knie gezwungen. Längst versucht er nicht einmal mehr, den Fußball zu befreien und das halbe hundert Terroristen von der Straße zu holen. Lieber wird das normale Fanvolk mit absurden Fahndungsbildorgien unterhalten, an deren Ende die Erkenntnis steht, dass man Täter hat, aber keine passenden Taten dazu. Es werden ganze Städte abgeriegelt, Spiele abgesagt, tausende Beamte in Marsch gesetzt, Sozialarbeiter bezahlt und gewöhnliche Zuschauer kriminalisiert. Nur um am Ende festzustellen, dass Hubschrauber und Wasserwerfer gegen irre Einzeltäter helfen wie Kanonen bei der Spatzenjagd.

Während sich der HFC (…) bemüht, den Vorsprung über die Zeit zu bringen, und Union mithilft, so gut es geht, zieht im Fanblock hinter dem Tor also wieder einer blank (…) Der Böller fliegt direkt ins Berliner Tor, Torwart Jan Glinker sieht ihn nicht, hört ihn aber, als er explodiert. Wäre der 26-Jährige Andy Möller oder Luca Toni, fiele er jetzt für eine Viertelstunde tot um und brächte dann ein Attest, dass ihm einen schweren Gehörschaden bescheinigt. Das Spiel wäre aus, der HFC hätte gewonnen, um am grünen Tisch zu verlieren. Aber Glinker bleibt stehen, er hält sich das Ohr. Schiedsrichter Sippel unterbricht die Partie, im Fanblock fackeln vier, fünf offensichtlich völlig Wahnsinnige zur Feier des Fast-Sieges Rauchbomben ab.

(…) Die HFC-Fans, von denen einige gesehen haben, wer für das Feuerwerk verantwortlich war, singen inzwischen an die Bombenwerfer gewandt “Assis raus”. Keiner will es jetzt noch gewesen sein. HFC-Präsident Michael Schädlich steht vor der Fankurve und fleht (…), doch die Reste der Vernunft zu benutzen. Im Fanblock haben sie einen gestellt. Es gibt Prügel, ausnahmsweise vielleicht sogar für einen, der sie verdient hat.

Schiri Sippel lässt nun doch wieder weitermachen, (…) dann ist Schluss (…) Die Rechnung schreibt wie üblich das DFB-Gericht. Der HFC hat gewonnen, der Fußball wieder einmal verloren. Er bleibt in Geiselhaft bei der Fußball-RAF.

pussy_sic

[Mit Dank für den Hinweis von politplatschquatsch.com und dortselbst vollständig im Original -> Verlorene Sieger: Geiselhaft bei der Fußball-RAF, 15. August 2010]


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1 Antwort to Fundstück des Tages # 68 [DFB-Pokal in Leipzig und die Geiselhaft bei der Fußball-RAF]

casp

August 16th, 2010 at 20:22

Großes Lob an den Torwart, der einfach weiter gemacht hat, statt das leider allzu nahe liegende zu tun!!
Man kann nur hoffen, dass die beiden Flachzangen wirklich die deutliche Antwort noch im Block bekommen haben.

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