Fundstück des Tages # 32 [Der Spiegel spiegelt Michael Ballack - und en passant 'verlotterten Ostbesuch']
Mai 23, 2010 | In: Fundstück des Tages, Fußballfans, Nationalmannschaft, Spieler-Infos
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In loser Folge dokumentiert ostfussball.com in dieser Rubrik mehr oder weniger (ost)fußballtangierende Kostbarkeiten der deutschen Schriftsprache – unkommentiert, da die Fundstücke zumeist einiges selbst postulieren; und dabei zuweilen für oder auch gegen sich sprechen, je nach dem Winkel der eigenen Lesebrille …
(…) erscheint er zum Abschiedsspiel von Bernd Schneider in Leverkusen. Er lässt sich in der zweiten Halbzeit einwechseln, um mit Zé Roberto, Jens Nowotny, Stefan Beinlich und ein paar anderen ehemaligen Mannschaftskameraden gegen die aktuelle Bayer-Auswahl zu spielen. Als Schneider seine Stadionehrenrunde dreht, steht Ballack mit den anderen geduldig in der Mitte des Spielfelds und wartet in der kalten Leverkusener Nacht, bis das Feuerwerk abgebrannt ist.
(…) und nun, als Ballack aus der Kabine in den VIP-Raum kommt, spürt man auch die Größe (…)
Sofort beginnt sich die Energie in Ballacks Richtung zu verschieben. Die anderen Fußballer im Raum, René Adler, Zé Roberto, Patrick Helmes, Rudi Völler, Stefan Kießling verblassen augenblicklich (…) Er tritt aus dem Fahrstuhl und scheint für einen Moment die Orientierung zu verlieren (…)
“Wo muss ich jetzt hin?”, fragt er leise, aber da ist niemand, der ihm die Frage beantworten kann. Nur erwartungsfrohe, aufgeregte Gesichter. Ballack schreibt ein paar Autogramme, lässt sich fotografieren. Dann läuft er entschieden ans hinterste Ende des Raumes, weil er seinem Freund Schneider nicht die Show stehlen will (…)
Dann spielen die Puhdys. Maschine, der Sänger, ruft in den Saal, dass sie sich freuen, heute für Bernd Schneider hier zu sein.
“Wir kommen ja praktisch aus dem gleichen Land”, sagt er und spielt “Denke ich an Deutschland”, ein Lied aus dem Jahr 1984. Die meisten Leute im Saal sehen die Puhdys an wie den verlotterten Ostbesuch. Sie essen. Ballack hat sich mit ein paar ehemaligen Kumpeln ganz weit zurückgezogen. Die Band spielt tapfer ihr Programm durch, und es klingt, auch wenn es aus einer anderen Zeit stammt, wie der Soundtrack zu Michael Ballacks Situation.
Reiner Calmund klemmt in einem Separée und sagt, während vorn “Wenn Träume sterben” läuft, dass er sich Michael Ballack immer als eine Art Beckenbauer vorstellen konnte. Ein Mann, der vom lieben Gott mit Eleganz und gutem Aussehen ausgestattet wurde. Jemand, der in einer Weltstadt lebt, der sich in der Welt auskennt, eine Lichtgestalt (…)
“Ballack ist kein Spieler, der spektakulär spielt”, sagt Uli Hoeneß (…)
War das der Grund, warum ihn die Fans in Bayern nie richtig geliebt haben?
“Ach, das glaube ich nicht. Wenn überhaupt, war es so, dass seine Karriere ein bisschen zu sehr aussah, als sei sie am Reißbrett entworfen worden. So etwas mögen die Fans nicht.”
Es ist schwierig, das perfekte Ende für eine so perfekte Karriere zu finden (…)
(…) Aus manchen Kommentaren zu seinem WM-Aus schwang eine seltsame Erleichterung, so als falle eine Last von der Mannschaft, die Michael Ballack seit vielen Jahren mit sich herumschleppt. Sie müssen jetzt nicht mehr unbedingt Weltmeister werden. Womöglich ist es für manche auch einfach nur beruhigend, das selbst die perfekt geplante Karriere mitunter aus der Schiene springt (…)
[Das letzte Einhorn - Der Spiegel, 22. Mai 2010]
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