Fundstück des Tages # 281 [Konnex zwischen Fußballfans und Medien]

September 30, 2012 | In: Fundstück des Tages, Fußballfans, Ultras


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In loser Folge dokumentiert Ostfussball.com in dieser Rubrik mehr oder weniger (ost)fußballtangierende Kostbarkeiten der deutschen Schriftsprache – unkommentiert, da die Fundstücke zumeist schon einiges postulieren und mitunter einfach ihrerseits bereits selbst irgendwie vor sich hin sprechen und dabei durchaus manchmal kleine Geschichten erzählen oder darüber hinaus auch gewisse Befindlichkeiten andeuten, zuweilen scheinbar gleichfalls in Fortführung vormalig bezüglicher Publikationen [Bild und co. sind eine Gefahr für den ganzen Journalismus] bei Ostfussball.com

(…) Waren insbesondere die Ultras noch vor wenigen Jahren die tollen Stimmungsmacher mit den bunten Choreographien, die nicht unerheblich zur Renaissance der Bundesliga beigetragen hatten, so gelten sie heute landauf, landab als prügelnde und zündelnde Chaoten.

Ein Bildwechsel, der im Wesentlichen auf medialer Darstellung beruht, die sich – entgegen der eigentlichen Regeln des Handwerks – selten bis nie die Mühe macht, neben Polizei und offiziellen Funktionären auch “die andere Seite” – also Fans und Ultras – zu ihrer Sicht der Dinge zu befragen. Letztere sind nach zahlreichen negativen Erfahrungen mit Pressevertretern allerdings auch ihrerseits kaum noch zu einem Dialog bereit (…)

(…) Dem DFB und der DFL droht ihr “Produkt” medial zu entgleiten, weshalb die ausgesprochenen Strafen und Verbote immer drakonischer werden. Die Fronten sind also verhärtet und für die Zukunft muss man befürchten, dass Stehplätze in Deutschland nach englischem Vorbild abgeschafft werden könnten – so zumindest die nicht minder hysterische Forderung einiger Polizeivertreter und Politiker, welche die “Innere Sicherheit” offenbar von kaum etwas stärker bedroht sehen als von gewaltbereiten Fußballfans (…)

(Foto: Ostfussball.com)

Bei kaum einem anderen Thema aber scheint es ein derart erstaunliches Missverhältnis zu geben wie bei der Berichterstattung über Fußballfans. Warum aber unterscheiden sich das Erleben vieler Fans und die mediale Repräsentation der Ereignisse derart eklatant? Um es kurz zu sagen: Weil häufig noch nicht einmal der Versuch von ernsthaftem Journalismus unternommen wird. Woche für Woche bilden eine ganze Hundertschaft von Sportreportern die Pressekonferenzen vor und nach den Spielen sowie natürlich auch die 90 Minuten selbst ab. Sie müssen Kontakte knüpfen und pflegen und sind lange vor und auch noch lange nach den Fans im Stadion.

Das Thema Fans ist dabei eine Randerscheinung, ein Begleitphänomen dessen, worum es eigentlich geht, nämlich den Sport selbst. Wenn Fans dagegen in den Mittelpunkt der Berichterstattung rücken, dann in aller Regel im negativen Kontext – wenn man sie wegen irgendeines Vorfalls eben nicht mehr ignorieren kann oder will. Es bringt Sportjournalisten aber beruflich keinen Vorteil, tiefer in die Fan(Sub-)kultur einzutauchen oder in teilnehmender Beobachtung eine Auswärtsfahrt zu einem Risikospiel mitzumachen und damit die andere Seite der VIP-Logen, Haupttribünen, Presseparkplätze und Polizeiketten kennen zu lernen.

Zwar wäre dies die eigentliche berufliche Aufgabe, wenn man denn schon seine Berichterstattung vom Spiel auf die Ränge verlagert, doch letzten Endes handelt es  sich bei vielen Sportjournalisten um “Fans, die es auf die andere Seite der Absperrung geschafft haben” (Thomas Kistner). Warum sollten sie zurückkehren? Und, ganz nüchtern betrachtet: Es bezahlt sie auch kaum jemand dafür. Weil die in den meisten Redaktion aber nun einmal zuständige Zunft häufig kaum eine Ahnung von den Vorgängen in den Fankurven hat (oder haben will), resultiert aus dieser Unkenntnis heraus in aller Regel Ablehnung (…)

Dass Fans, die durch “abweichendes Verhalten” auffallen, vor allem “Störer” sind, ist eine Auffassung, die viele Journalisten mit Funktionären und Polizei teilen. Daraus ergibt sich dann auch das oftmals geschlossene Bild der Berichterstattung: Der Sportjournalist, der sich (zu seinem Unwillen) gezwungen sieht, über Fans statt über Fußballspieler zu berichten, teilt seinen Unmut mit den Vereinsfunktionären, die wollen, dass der “unpolitische” Sport im Mittelpunkt stehen soll. Nun schließt sich ein Kreis: Sportjournalisten, die vom geordneten Spielbetrieb und dem Goodwill der Vereine ebenso abhängig sind wie die Funktionäre umgekehrt von einer positiven medialen Darstellung, hacken sich gegenseitig meist kein Auge aus. Umso dankbarer trifft es sich da, dass man die Beschreibung der Realität 1:1 aus einem Polizeibericht abschreiben kann (…)

Natürlich wäre eine kritische journalistische Betrachtung mit einer differenzierten Sichtweise möglich, wenn man sich ein wenig Kontext und Hintergründe aneignen würde. So ist zum Beispiel der massive Einsatz von Pyrotechnik in der letzten Saison nicht einfach blindes Wüten einiger verrückter Chaoten und “sogenannter Fans”, sondern sie ist ein strategisch eingesetztes Mittel, um den Preis für Verbände und Vereine in die Höhe zu treiben, nachdem diese die Gespräche mit der vereinsübergreifenden Kampagne “Pyrotechnik legalisieren. Emotionen respektieren” abgebrochen haben – und zwar einseitig, voreilig, planlos und ohne die Folgen auch nur ansatzweise zu bedenken (…)

Wer ausschließlich Vereinspräsidenten, Sportfunktionäre, Polizeisprecher und Sicherheitspolitiker zu Wort kommen lässt, hat die andere Seite schlichtweg nicht gehört. Wer darüber hinaus die ohnehin schon dominanten Stimmen der genannten Autoritäten in einem medialen Diskurs auch noch verstärkt, leiht seine Stimme eben nicht denjenigen, die keine haben, sondern denjenigen, die ohnehin schon in gesellschaftlichen Machtpositionen mit entsprechenden Befugnissen ausgestattet sind (…)

Zuletzt gab es jedoch auch – und das soll nicht verschwiegen werden – einige positive Ansätze und Ausnahmen: Bereits auf dem Berliner Fankongress zu Beginn des Jahres öffneten sich Teile der Ultrà-Szene für den Dialog mit Medienvertretern (…)

Dennoch bleibt das Verhältnis schwierig, was auch in der Natur der Sache liegt (…) Dennoch: Gegen die Medien wird der Kampf um den Erhalt der Fan- und Stehplatzkultur in Deutschland nicht zu gewinnen sein. Dieser Herausforderung müssen sich die organisierten Fans  stellen – ob nun Kutten, Ultras oder stinknormale Fanclubs.

Quelle im vollständigen Original -> “Fußballfans und Medien: Ein schwieriges Verhältnis”, publikative.org, 14. September 2012


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