Fundstück des Tages # 201 [DDR, Fußball, Die gute alte Zeit]

August 23, 2011 | In: Blog-Ostalgie, DDR-Ligen, Fundstück des Tages, Fußballfans, Spieler-Infos


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In loser Folge dokumentiert ostfussball.com in dieser Rubrik mehr oder weniger (ost)fußballtangierende Kostbarkeiten der deutschen Schriftsprache – unkommentiert, da die Fundstücke zumeist schon einiges postulieren und dabei zuweilen gleichfalls bereits einfach ihrerseits irgendwie selbst vor sich hin sprechen …

(…) Hey, Fußball, bist du noch wach? Hab grade an dich denken müssen und … naja, ich schreib dir einfach mal. Weißt du noch, damals vor 30 Jahren? Eigentlich war schon auf den ersten Blick war klar, dass es was ernsteres werden sollte. Ich erinnere mich noch an jedes Detail unseres ersten Mals. Dein Duft nach Bier und Filterlosen, nach Schweiß und Staub. Es war ein unsäglich heißer Juninachmittag, als ich dir das erstemal in die Augen schaute und du einfach so zurückgelächelt hast. Ich wollte nie wieder irgendwoanders sein. Seitdem haben wir unendliche Stunden miteinander verbracht, in Reichsbahn-Zügen, Ikarus-Bussen oder auf stinkenden Motorrädern aus Zschopau, zu viert auf einem rostigen Geländer oder die blauen Sitze des zweiten Oberrings im San Siro-Stadion herunterrollend. Betrogen habe ich dich nie, das ist nicht der Grund und das weisst du ja auch. Ich schaue auch heute noch, was du so machst, selbst wenn es weh tut.

Nein, meine Liebe, ich konnte dir nicht folgen. Damals, als wir beide aus demselben Viertel kamen und unser größter Erfolg der Gewinn des FDGB-Pokals 1950 war, war alles einfach, wir brauchten nur die 90 Pfennige und wenn nicht, dann kletterten wir einfach über den Zaun. Zuerst mit Papi auf der Tribüne, wo ich wie jeder kleine Junge kaum dem Spielgeschehen folgte sondern dem Trara auf der Gegengerade, wo “Halbstarke” und “Rowdies” böse Sachen sangen und mit Klopapier, Kassenrollen oder selbstgeschnitztem Konfetti um sich warfen. Zwischen mir und dir lag maximal eine rötliche Laufbahn und aus den kiesbeschippten Stufen wuchs all das Zeugs, das man im eigenen Garten nicht haben möchte. Die kostbaren Bälle landeten – besonders gegen Spielende – gern mal in der hinter der Tribüne gelegenen Bode und mussten von dort mit Stangen herausgefischt werden. Aber wenigstens war unser Platz halbwegs eben und man musste nicht eine Halbzeit lang bergauf spielen wie in Wernigerode. Weisst schon, Liebe macht blind. Damals sang U2 “Sunday Bloody Sunday” und Bono hat noch nicht im Glitzeranzug die Welt gerettet.

Ich erinnere mich an den damals noch aufregenden und irgendwie melancholischen Geruch nach widerlichen Ost-Zigaretten, die aber irgendwie “erwachsen” bedeuteten. Langhaarige Kerle in Jeanswesten, denen eine braune Bierflasche in der Hand festgewachsen war. Busfahrten, die stundenlang dauerten, weil alle 50 Meter jemand pissen musste. Bescheuerte Auswärtsfahrten mit der MZ durch’s winterliche Sachsen Anhalt, nur um festzustellen, dass in Leuna niemand wusste, dass die überhaupt ein Stadion und eine Mannschaft haben. Die ewig gleichen Bockwürstchen im ewig gleichen Brötchen für 80 Pfennige, die man bar zahlen musste, nicht mit einer aufladbaren Plastikkarte Ein paar Spielzeiten in der NOFV-Liga Nordost, die mich lehrten, dass es in Berlin Fußballplätze gibt, wo du sie am wenigsten erwartest. Die Eintrittskarten kamen von der Rolle und man kaufte die einfach so an der Stadionkasse. Wenn ich dich sehen wollte, kontrollierte mir niemand die Hosentaschen und wenn wir uns hauen mussten, schauten die paar Ordnungshüter aus Versehen in eine andere Richtung. Wir mussten das ja auch nicht im Internet dokumentieren, wir haben einfach immer gewonnen und basta.

Stars hatten wir keine, aber wir hatten unsere Stars. Olaf Adamczak heiratete die Schwester meines Kumpels. Einem gewissen Dariusz Wosz konnte ich an der Werkbank neben mir erzählen, was ich von seinem Auftritt am Sonntag hielt. Meine Helden hießen Häußler, Wiermann oder Uli Schulze. Die trugen damals noch keinen Namen auf dem Trikot, die erkannte man auch so, weil sie solange für für uns kickten, bis das Kreuzband endgültig schnappte oder das Halbzeit-Bier die Leistung versaute. Nach dem Spiel warteten wir solange unter dem Sprecherturm, bis jemand alle Ergebnisse zusammentelefoniert hatte und sie per Lautsprecher durchgab. Ansonsten gab es Bezirksliga-Ergebnisse nur Sonntagmorgens um 8 auf irgendeiner knarzigen Radiostation, deren Name mir entfallen ist. Dafür wussten wir aber auch, auf welchem Tabellenplatz wir die gesamte nächste Woche stehen würden. Und nicht nur bis zum Abendspiel (…)

[Quelle im vollständigen Original -> "Weißt du noch, damals?", altravita.com, 3. August 2011, 14:10]


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6 Antworten to Fundstück des Tages # 201 [DDR, Fußball, Die gute alte Zeit]

RB Trude

August 23rd, 2011 at 10:40

Diese ewige Gejammere nach der guten alten Zeit. Findet euch damit ab, daß jetzt ein anderer Wind weht. Solche Modelle wie RB Leipzig werden schon bald den Fußball in Deutschland bestimmen. Und das ist auch gut so!

Heide

August 23rd, 2011 at 10:55

RB Trude: Findet euch damit ab, daß jetzt ein anderer Wind weht.

 
Bestimmt denn so wie in Hoppenheim, da wird denn auch kollektiven Körperverletzung in Kauf genommen nur damit der Sonnenkönig sich nicht die Beleidigungen des Pöbels anhören muss…
 
Und die Gästefanblocks können wir ja denn auch gleich schließen denn dieses Event-Werbe-Anbiederungs-Publikum ist sich wohl für Auswärtsfahrten zu fein.
 
Also wo bitte ist das gut so.?

RB Trude

August 23rd, 2011 at 11:01

Du sprichst mir aus der Seele. Wenn die Gästeblöcke geschlossen werden, fallen auch die teuren Polizeieinsätze weg. Dort kann dann auch mehr Heimpublikum auf zusätzlichen Sitzplätzen ins Stadion gelockt werden. Ich hoffe, daß es bald so weit ist und wir friedlichen Fußball geniesen können.

Heide

August 23rd, 2011 at 12:01

RB Trude: Du sprichst mir aus der Seele. Wenn die Gästeblöcke geschlossen werden, fallen auch die teuren Polizeieinsätze weg. Dort kann dann auch mehr Heimpublikum a

 
Eh wie widerlich ist das denn?
 
Du weisst aber schon das Fussball auch aus Emotionen besteht.
Sorry sowas sinnloses kann nur ein Rasenball -fan-boy schreiben.
So nach dem Motto,dann hat das Klatschpublikum mehr Platz um unseren Sonnenkönig Dosen-Matti zu beklatschen.
Und was will man denn mit dem vielen Platz im Stadion,?
Wenn es bei euch mal wieder nicht klappt mit dem Aufstieg,kommen doch bloß noch 1.700 Eventis ins Zentralstadion.

RB Trude: daß es bald so weit ist und wir friedlichen Fußball geniesen können.

 
 
Hmm,wie naiv bist du denn?
 
Bei euch im Fan-boy-block sind doch schon rassistische Äusserungen und Laute gefallen (siehe Rasenball Forum)
 

Jay

August 23rd, 2011 at 12:29

orr, Trude… geh zum Frauenfußball !!!

Klar, überall in der Buli herrscht “Krieg” und NUR bei den RäudigenBauernfängern gibts die Gutmenschen…

Lächerlich!

Maiky75

August 23rd, 2011 at 16:50

…krass was so ein Artikel wieder für ne Diskussion auslöst??
Ich find der Artikel ist einfach nur ne Wiedergabe von damals Erlebtem
und wie ich finde auch richtig nett geschrieben, da könnte man ja
richtig melancholisch werden!:-)

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