Fundstück des Tages # 169 [Günter Netzer und der Standort Ostfußball]

Mai 5, 2011 | In: 1. FC Magdeburg, FC Carl Zeiss Jena, FC Energie Cottbus, FC Erzgebirge Aue, FC Hansa Rostock, Fundstück des Tages, Fußballfans, SG Dynamo Dresden


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In loser Folge dokumentiert ostfussball.com in dieser Rubrik mehr oder weniger (ost)fußballtangierende Kostbarkeiten der deutschen Schriftsprache – unkommentiert, da die Fundstücke zumeist schon einiges postulieren und dabei zuweilen gleichfalls einfach nur ihrerseits irgendwie selbst vor sich hin zu sprechen scheinen …

(…) “Die Chancen im Marketing sind im Osten nach wie vor schlechter als in den alten Bundesländern.” (…)

“Die Vereine haben immer noch unter ihrem Standort zu leiden”, sagte Netzer, dessen im schweizerischen Zug ansässiges Unternehmen [Infront] außer Energie [Cottbus] auch den Zweitliga-Aufsteiger FC Hansa Rostock betreut. Die “leider nach wie vor fehlende Chancengleichheit mit den West-Vereinen” sei für ihn die “frappierendste Erfahrung” in den zurückliegenden 20 Jahren deutscher Fußball-Einheit.

Unmittelbar nach dem Mauerfall habe er die Situation bei einigen DDR-Oberligisten, darunter bei Dynamo Dresden und Energie Cottbus, kennengelernt. “Fußballerisch hat sich zwar viel verändert. Etablierte DDR-Klubs wie Dresden, Jena oder Magdeburg sind nicht mehr im Fokus”, sagte Netzer und staunt, dass sich “ausgerechnet kleine und für uns im Westen damals unscheinbare Vereine wie Cottbus oder Aue behauptet haben.” Denn der Welt- und Europameister erwartete seinerzeit eine andere Entwicklung: “Ich hatte Dynamo Dresden aufgrund seiner Erfolge, seines Ansehens und der damit privilegierten Stellung unter den Fans in der DDR am ehesten den Sprung zu den Etablierten nach der Einheit zugetraut.”

Doch selbst das Lausitzer Fußball-Wunder mit sechs Jahren Bundesliga-Zugehörigkeit, die erzgebirgische Fleißarbeit und die erfolgreichen hanseatischen Erstliga-Zeiten haben weder Cottbus noch Aue oder Rostock neue und sprudelnde Geldquellen erschlossen. Von einer langjährigen Zusammenarbeit, die den Vereinen auch längerfristige Sicherheit geben könnte, wie im Fall des Engagements des russischen Energie-Giganten Gazprom bei Schalke 04 ganz zu schweigen.

Netzer kennt das Dilemma. Er muss nicht für den Deutschen Fußball-Bund (DFB) salbungsvolle Feiertagsreden halten. Seine Zahlen verlangen Klartext. “Leider wird seriöse Arbeit im Osten oft nicht belohnt”, sagte der 66-Jährige. Kaum jemand weiß, dass Cottbus in den letzten zehn Jahren öfter in der ersten Liga spielte als der FSV Mainz. Dennoch assoziieren viele Energie immer noch nur mit der Nähe zur polnischen Grenze. “Im Zweifelsfall entscheiden sich die Unternehmen doch lieber für den West-Verein”, sagte Netzer.

(…) Selbst im Fall des Aufstiegs von Dynamo in die zweite Liga und mit den Zehntausenden Fans im Rücken seien den Dresdnern noch keine relevanten Einnahme-Steigerungen im Marketing garantiert. “Im Osten darf man nicht spinnen”, sagte Netzer. “Und man sollte sich nicht um eines Aha-Effektes wegen auf wirtschaftliche Vabanque-Spielchen einlassen. Das endet fast immer in einem bösen Kreislauf”, warnte der Marketing-Experte. “Ich empfehle die Philosophie des behutsamen Wachsens, wie sie Cottbus seit Jahren konsequent praktiziert”, sagte Netzer (…)

Schnelle Änderungen im Marketing-Verhalten erwartet Netzer nicht. “Es gibt einfach zu viele weiße Flecken auf der Landkarte”, sagte der frühere TV-Experte und meinte Standortnachteile in den neuen Bundesländern. “Selbst im Erfolgsfall – die Firmen wollen in bestimmte Ecken einfach nicht.”

[Quelle im vollständigen Original -> "'Im Osten darf man nicht spinnen' - Günter Netzer kritisiert die Standortnachteile für die ostdeutschen Vereine", sz-online.de, 4. Mai 2011]


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