Fundstück des Tages # 155 [Dresdner Theater, Fußballfans gehen nicht wählen? Hooligans schlafen nicht?]
April 7, 2011 | In: 3. Liga, Fundstück des Tages, Fußballfans, Hooligans, SG Dynamo Dresden, Stadion-Infos
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In loser Folge dokumentiert ostfussball.com in dieser Rubrik mehr oder weniger (ost)fußballtangierende Kostbarkeiten der deutschen Schriftsprache – unkommentiert, da die Fundstücke zumeist schon einiges postulieren und dabei zuweilen gleichfalls ihrerseits nur einfach selbst vor sich hin zu sprechen scheinen …
(…) Was mich aber am meisten ärgert: Dynamo Dresden, diesen drittklassigen Verein, unterstützt man mit Millionen und Millionen. Da wird gar nicht erst groß drüber debattiert – wegen der Fans. Offensichtlich glaubt man, das wäre das Wahlvolk für die Entscheidungsträger dieser Stadt. Ich weiß nicht, ob die Fans überhaupt wählen gehen. Wenn Sie das Stadion drei Jahre schließen, das tut niemandem weh. Aber lassen Sie noch eine Flut kommen und die Oper spielt nicht, dann ist Dresden platt. Spätestens seit 2002 wissen wir doch, was für Dresden nicht nur moralisch, ideell, sondern ökonomisch wichtig ist. Was ich dort investiere, kommt als sekundär-ökonomischer Erfolg zurück. Glauben Sie, ein Hooligan nimmt sich ein Hotel-Zimmer? Ich würde doch nie etwas sagen, wenn es hier nicht um die Philharmonie ginge, sondern um das Kurorchester Bad Elster. Die haben ihre Konzertmuschel. Das reicht auch. Aber dieser Widerspruch: Da haben sie diesen drittklassigen Fußballverein und zwei Weltklasse-Orchester – Philharmonie und Staatskapelle. Der drittklassige Verein kriegt ein Weltklasse-Stadion, aber für das Weltklasse-Orchester soll so ein Zwischending, die eierlegende Wollmilchsau, genügen.
(…)
Die Stadt meint, sie könne solche Frage wie im “Tapferen Schneiderlein” lösen: Einmal zuschlagen – sieben auf einen Streich. Das läuft ein bisschen nach dem Motto: Jetzt klatschen wir das alles mal zusammen. Jetzt haltet ihr alle mal den Mund. Und wir haben den Rücken wieder frei für Dynamo. Jeder hat irgendwie so ein bisschen schlechtes Gewissen, keiner traut sich richtig ran. Das ist wie eine Tabuzone, das hat auch was mit Ostalgie zu tun. Dynamo, das war mal was. Aber die Zeit ist vorbei (…)
[Interview-Auszug, "Millionen für einen drittklassigen Verein - Friedrich-Wilhelm Junge ärgert die großzügige Förderung von Dynamo. Warum baut die Stadt kein neues Konzerthaus, sondern riskiert mit dem Umbau des Kulturpalastes ein Fiasko, fragt sich der Schauspieler", Sächsische Zeitung, Lokalausgabe Stadt Dresden, 7. April 2011]
Sehr geehrter Herr Junge,
Fußballanhänger sind also Hooligans, gehen nicht wählen und merken nicht einmal, wenn man das Stadion drei Jahre schließt? Bei allem Verständnis für die Kritik an den Umbauplänen für den Kulturpalast, liefern Sie mit Ihren Aussagen in der heutigen Sächsischen Zeitung nichts anderes als ein Paradebeispiel für wahre spätrömische Dekadenz, eine Eigenschaft der Parallelgesellschaft vermeintlicher Eliten.
(…)
Dass ein Stadion heutzutage Teil der städtischen Infrastruktur ist und von der öffentlichen Hand mitfinanziert wird, ist üblich und legitim. Von den Fußballvereinen werden 700 Millionen Euro Steuern und Abgaben im Jahr abgeführt. Nur ein einziger, Bayern München, erzielt langfristig Gewinne. Überall sonst ist auch Profifußball ein Verlustgeschäft, ähnlich wie andere Kulturbereiche und benötigt zumindest für die Spielstätten Unterstützung. Das nun vor allem der Drittligist Dynamo in existenzbedrohendem Maße und eben auch die Kommune für das neue Dresdner Schmuckkästchen bezahlen, hat seine Ursache schlicht und ergreifend darin, dass es die städtischen Verantwortlichen (absichtlich) verschlafen haben, im Rahmen der WM 2006 die Möglichkeit zu nutzen, Fördermittel von Bund und Land für einen Neubau zu erhalten.
In das vergleichsweise bescheidene und sicherlich nicht als “Weltklasse” zu bezeichnende Dresdner Stadion (vergleichen Sie bitte die Kosten mit den Neubauten in Leipzig oder Aachen, ganz zu schweigen von Düsseldorf, München etc.) strömen in dieser Saison wieder weit über 300.000 Menschen, Tausende weitere fiebern zu Hause mit. Insgesamt ergab eine Studie 8 Millionen Sympathisanten von Dynamo Dresden. Sind diese Menschen keine Steuerzahler? Und mit welchem Recht werden dann eigentlich zig Millionen öffentliche Mittel in Hochkultursubventionen gesteckt? In einer Stadt, die mehr als ausreichend auf diesem Gebiet versorgt ist, in einen Bereich mit weitaus exklusiverem Publikum. Während Ottonormalverbraucher dafür Verständnis haben soll, wird Unterstützung für notwendige Rahmenbedingungen des Fußballs mit seinem wesentlich breiter gestreutem Publikum geneidet und mit peinlichen Phrasen über “Hooligans” von Ihnen derart offensichtlich Stimmungsmache betrieben, dass eigentlich nur noch die durch Dynamo Dresden bedrohten Kindergartenplätze fehlen.
Sehr geehrter Herr Junge, Dresden ist eine Kulturstadt und Fußball ist Kultur. Besonders wichtige Kultur, kommen doch beim Fußball soziale Exklusion, Status und Distinktionsbedürfnis weniger zum Tragen als anderswo. Allein die Tatsache, dass am gestrigen Abend 28.365 Fans im Dynamostadion eine, vornehmlich durch Jugendliche auf die Beine gestellte, sensationell kreative und fantastische Choreografie bewunderten, unterstreicht die einmalige Bedeutung des Kulturgutes Fußballs in und für die Stadt Dresden. Die Fangemeinschaft Dynamo empfindet es als erschreckend, beschämend und bezeichnend, wie abfällig und unwissend Sie sich als ein Mitglied des Kultursenats der Kulturstiftung Sachsen äußern. Für Lobbyarbeit unter dem Deckmäntelchen des Kampfes gegen Steuermittelverschwendung, werden Sie mit ein wenig gutem Willen sicher eine Reihe wesentlich größerer und fragwürdigerer Ausgaben finden, als die Unterstützung einer von zwei brauchbaren Fußballspielstätten in ganz Sachsen.
Mit dynamischen Grüßen (…)
[Quelle im vollständigen Original -> "Offener Brief an Herrn Friedrich-Wilhelm Junge", fangemeinschaft-dynamo.de, 7. April 2011]
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