Fundstück des Tages # 131 [Dresden, Rudolf Harbig und der Schornsteinfeger]
Januar 16, 2011 | In: 3. Liga, Blog-Ostalgie, Fundstück des Tages, Fußballfans, SG Dynamo Dresden, Stadion-Infos, Ultras
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In loser Folge dokumentiert ostfussball.com in dieser Rubrik mehr oder weniger (ost)fußballtangierende Kostbarkeiten der deutschen Schriftsprache – unkommentiert, da die Fundstücke als solche einiges selbst postulieren und dabei bereits durchaus ihrerseits sprechen; zuweilen auch in scheinbarer Ergänzung der einen (Dynamo Dresden: Glückliches Gas sponsert Glücksbärchen-Arena?) oder anderen (Dresden, Glücksgas, Georg Arnhold, Befindlichkeiten) oder noch anderen (Rudolf-Harbig-Stadion, Glücksgas) oder ganz anderen (Dresden: Glücksgas-Arena oder Stuka-Stadion?) oder weiteren (Dynamo Dresden: Glücksgas Olé?) oder noch weiteren (Dynamo Dresden, Rudolf-Harbig-Stadion, Ultras) oder dahingehend vorerst letztigen (Rudolf-Harbig-Stadion, Dynamo Dresden) vormaligen Publikation bei ostfussball.com …
(…) Ulrike Harbig hat ihren Vater Rudolf nie gesehen, sie kam 1943 in Dresden zur Welt, er starb 1944 an der Ostfront. Sie kennt ihn nur als Stadionnamen. “Und doch”, sagt Harbig (…), “glaube ich, diesen Rudolf Harbig besser zu verstehen als viele andere Menschen.” Die Pokale, Ehrennadeln und Fotos, die sich über die Jahrzehnte in ihrem Wohnzimmer angesammelt haben, haben ihr eben doch vieles über den Vater erzählt, über seine drei Leichtathletik-Weltrekorde, über seinen Sportsgeist, über seinen Humor.
Womöglich, glaubt Ulrike Harbig, hätte er lächelnd abgewinkt, wenn er erfahren hätte, dass sie in seiner Heimatstadt zwei Mal ein Stadion nach ihm benennen, nur, um es zwei Mal wieder umzutaufen. Vermutlich hätte er gesagt: “Sollen sie mich doch abhängen.”
1972 wurde Harbigs Name das erste Mal von der Hülle des Dresdner Fußballstadions entfernt, da ein Bronzemedaillengewinner der Hitler-Spiele von 1936 und gefallener Wehrmachtssoldat nicht so recht in das Idealbild des DDR-Sports passte. Wenige Wochen nachdem seine Tochter Ulrike 1966 aus der DDR geflüchtet war, wurde es auch schon einmal in Erwägung gezogen. Im Nachwende-Dresden kam Harbig wieder zu alten Ehren. Jetzt wird sein Schriftzug wieder abgeschraubt.
In den Sechzigern verbreitete er zu wenig realsozialistische Grundwerte, heute fehlt ihm der kapitalistische Mehrwert. In der Rückrunde kickt der Drittligist Dynamo Dresden unter den Insignien eines bayerischen Energieversorgers – im Glücksgas-Stadion.
Bevor der Mittelstreckenläufer Rudolf Harbig in den Krieg zog, arbeitete er bei den Dresdener Stadtwerken als Gasableser. Wenn man die Sache wohlwollend betrachte, sagt seine Tochter, dann habe der neue Name sogar eine gewisse Kontinuität. Es ist allerdings so, dass die Sache keineswegs nur wohlwollend betrachtet wird. Viele der sehr traditionsbewussten Fans der SG Dynamo Dresden sind entsetzt. Selbst der Stadionmanager Hans-Jörg Otto sagt: “Wir brauchen nicht darüber reden, dass der Name ein bisschen unglücklich ist.”
Ein bisschen unglücklich ist er alleine deshalb, weil es in Deutschland schon genügend schöne Sportstätten mit unschönen Namen gibt: die Nordfrost-Arena, den Signal Iduna Park, das easyCredit-Stadion, die O2-World. Noch unglücklicher ist er jedoch, weil es in diesem Fall nicht nur um verärgerte Traditionalisten und aufdringliche Werbebotschaften in städtischen Geldlücken geht. Es geht auch um jenes seltsame Gefühl, das viele Menschen befällt, wenn sie das Wort “Glücksgas” hören.
Gasherd, Erdgas, Gasableser, Gasdurchlauferhitzer – man kann die drei Buchstaben G, A, S in unzählige Substantive einbauen, ohne dass Unbehagen aufkäme. Je öfter man sich aber den neuen Stadionnamen von Dresden aufsagt, umso klarer wird: Glück und Gas sind zwei Wörter, die in Deutschland nicht zusammenpassen. “Ich denke nun mal ans Dritte Reich, wenn ich diesen Namen höre”, sagt Ulrike Harbig.
Bleibt die Frage, weshalb sich eine Stadt mit dieser Geschichte und dieser Lage überhaupt auf ein derartiges Assoziations-Gestrüpp einlässt, wenn es um die Benennung einer ihrer größten und repräsentativsten Immobilien geht? Und weshalb sich ein Klub wie Dynamo Dresden, der sich in den vergangenen Jahren redlich aus seiner rechtslastigen Ecke herausgekämpft hat, diese Debatte antut?
Sie sagen, sie hätten es nicht gewollt. Und vor allem: Sie hätten es nicht verhindern können. Die Geschichte der Umbenennung des Rudolf-Harbig-Stadions ist auch ein Lehrbeispiel dafür, auf welch verschlungenen Pfaden öffentlicher Raum heutzutage zu Geld gemacht wird. Der Verein Dynamo hatte tatsächlich kein Mitspracherecht, weil er nur Mieter in einem Stadion ist, das der Landeshauptstadt Dresden gehört.
Die Stadt wiederum hat es für 32 Jahre an einen externen Betreiber mit Sitz in Düsseldorf übertragen. Diese Projektgesellschaft lässt ihrerseits die Namensrechte an dem Gebäude von der Sportfive GmbH aus Hamburg vermarkten. Auf diese Weise ist ein wilder Interessensknoten entstanden, der im deutschen Sportbusiness seinesgleichen sucht.
Einig sind sich alle Parteien nur darin, dass der Unterhalt dieser modernen Arena (…) an allen Ecken und Enden tiefe Finanzlöcher reißt. Löcher, die ein aufstrebendes Unternehmen wie Glücksgas liebend gerne mit 500.000 Euro stopft.
Die Vermarkter von Sportfive haben ihren Teil der Arbeit damit erledigt. Und die Dresdner müssen jetzt eben schauen, wie sie mit ihrem neuen Taufpaten zurechtkommen. Ein schlechtes Gewissen und die Aussicht auf ein gutes Geschäft halten sich dabei die Waage. Der Stadtrat hätte die Möglichkeit gehabt, ein Veto gegen die Namensgebung einzulegen. Er hat sie nicht wahrgenommen (…)
Thomas Goldstein mag nicht verstehen, was an dem Namen seiner Firma so schlimm sein soll. “Wenn ich das mit dem Dritten Reich höre, dreht es mir regelmäßig den Magen um” (…)
Goldstein hatte den Einfall, dass ein Schornsteinfeger, wenn er schon bei den Kunden in der Wohnung ist, doch auch gleich einen neuen Gasvertrag anbieten könne. Weil Kaminfeger gemeinhin mit Glück assoziiert werden, hat er diesen Einfall Glücksgas genannt. Künftig wird er in großen Buchstaben die Dresdner Nacht erleuchten.
Wem es bei diesem Anblick den Magen umdreht, der kann sich immerhin sagen: Es war doch nur der Schornsteinfeger.
[Quelle im vollständigen Original -> "Im Namen des Schornsteinfegers" & "Nur der Schornsteinfeger", sueddeutsche.de, 14. Januar 2011]
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1 Antwort to Fundstück des Tages # 131 [Dresden, Rudolf Harbig und der Schornsteinfeger]
Joachim Datko
Januar 17th, 2011 at 08:32
Schornsteinfeger sind oft nutzlose Abkassierer!
Mir dreht sich als Ingenieur und Physiker der Magen um, wenn ich einen Schornsteinfeger sehe. Bei unserer modernen Heiztechnik sind Schornsteinfeger weitgehend überflüssig.
Ab 1935 wurden in Deutschland von der nationalsozialistischen Regierung deutschlandweit Bezirksschornsteinfeger eingeführt. Seit dieser Zeit werden sie von Behörden und Politikern auf Kosten der Bürger wie heilige Kühe behandelt.
Dr. Dr. Horst Poller von Haus & Grund Württemberg hat die Schornsteinfeger ein Symbol für nutzlose Beschäftigung, für Monopolisten und für Lobbyisten genannt.
Siehe:
-> http://www.sueddeutsche-wohnwirtschaft.de/sites/artikel.php?artikel_id=126
Joachim Datko – Ingenieur, Physiker
Interessengemeinschaft gegen das Schornsteinfegermonopol – Sektion Bayern
-> http://www.kontra-schornsteinfeger.de