Fundstück des Tages # 121 [RasenBallsport Leipzig, Champions League oder flügellahm?]

Dezember 15, 2010 | In: 1. Bundesliga, Fundstück des Tages, Fußballfans, RB Leipzig, Regionalliga Nord, Spieler-Infos, Stadion-Infos


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In loser Folge dokumentiert ostfussball.com in dieser Rubrik mehr oder weniger (ost)fußballtangierende Kostbarkeiten der deutschen Schriftsprache – unkommentiert, da die Fundstücke zumeist einiges schon selbst postulieren, dabei durchaus bereits ihrerseits sprechen oder einfach nur Geschichten über die Geschichte und die Zukunft zu erzählen scheinen; mitunter auch in teilweiser Ergänzung beziehungsweise Entgegnung von einigen diesbezüglich vormaligen Publikationen bei ostfussball.com

(…) Vor dem Zentralstadion in Leipzig liegt eine große Grünfläche. Das war vielleicht mal ein guter Rasen, heute wuchert der Löwenzahn. Vier gelbe Holzpfosten sind für zwei Tore in den Boden gerammt. Ein Dutzend Spieler rennt und grätscht an diesen grauen Sonntagmorgen, keucht und flucht. Einer trägt ein Kopftuch. Einer Dreiviertelhosen. Einer ist eingepackt wie für eine Nordpolexpedition.

Es ist ein ehrlicher, reiner Fußball, der hier hobbymässig gespielt wird. Er hat nichts mit dem zu tun, was nebenan passiert. Nebenan, da steht das für die WM 2006 neu gebaute Zentralstadion, das seit ein paar Monaten und für die nächsten 30 Jahre Red Bull Arena heißt. Hier ist RB Leipzig zu Hause, ein Fußballklub, entstanden auf dem Reißbreit. Entstanden nur, um den österreichischen Getränkehersteller Red Bull noch bekannter, größer, erfolgreicher zu machen. Nur steht RB nicht für Red Bull, sondern für Rasenball. Sponsoren wie Red Bull im Namen, das verbieten die Statuten des Deutschen Fußball-Bundes (…)

Leipzig ist Red Bulls Neustart im europäischen Fußball. Das erste Projekt hieß Red Bull Salzburg, 2005 als Austria Salzburg aufgekauft und sofort umgetauft. Ein europäischer Spitzenklub sollte das werden. Der Berater hieß Franz Beckenbauer, der Trainer Giovanni Trapattoni. Der Verein hat es aber trotz großem finanziellem Aufwand nie über den österreichischen Meistertitel hinaus in die Champions League geschafft. Selbst mit viel Geld ließen sich Spitzenfußballer nicht in die österreichische Fußballprovinz locken.

Im großen Deutschland sind die Voraussetzungen besser, nur Zeit braucht RB Leipzig für den Aufstieg. Eine Bundesligalizenz konnte Red Bull niemandem abkaufen, einen solchen Handel sehen die Regeln nicht vor. Deshalb spielt RB Leipzig erst in der vierthöchsten deutschen Liga. Die Lizenz übernahmen die Investoren im Sommer 2009 vom Leipziger Vorortsklub und Fünftligisten SV Markranstädt für 350.000 Euro, die Nachwuchsmannschaften kamen vom insolventen FC Sachsen Leipzig. Der Verein stieg in seiner ersten Saison sofort auf. Das hatte Dietrich Mateschitz auch verlangt, der Erfinder des Dosengetränks, laut Schätzung des Wirtschaftsmagazins “Forbes” fast drei Milliarden Euro reich. Er erwartet, dass der Klub spätestens in fünf Jahren in der 1. Bundesliga ist. Und danach bald in der Champions League spielt, wie er dem “Tages-Anzeiger” per E-Mail schreibt (…)

Faksimile: fr-online.de

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Ob Mateschitz sein Ziel so schnell erreicht, ist unsicher. Dass er es schafft, ist hingegen wahrscheinlich. Der RB Leipzig spielt schon jetzt mit mehreren Profis, die früher in der 1. Bundesliga spielten, in Leverkusen, Rostock, Nürnberg, beim VfB Stuttgart oder beim Hamburger SV. Er bezahlt sie so gut, dass keiner Abstriche machen musste, nur weil er nach Leipzig wechselte. Gegen zehn Millionen Euro dürfte der Klub in der aktuellen Saison ausgeben. Dieser Fußballkoloss, der hier gerade entsteht – darüber freuen sich in der Stadt nicht alle. Doch Steffen Kubald, Präsident des Traditionsklubs Lok Leipzig, sagt: “Wir können es nicht mehr ändern, dass Red Bull in die Stadt gekommen ist.”

Red Bull verkaufte im vergangenen Jahr 3,9 Milliarden Dosen und setzte damit über 3,26 Milliarden Euro um. Ein Drittel des Umsatzes investiert Mateschitz ins Marketing. Im Mittelpunkt aller Aktivitäten steht bis heute die berühmte Kampagne “Red Bull verleiht Flügel”. “Alles drum herum sind flankierende Maßnahmen, so auch das Sportmarketing”, schreibt der Patron. Red Bull hat dafür eigene Sportarten und Wettbewerbe erfunden (…) Und wenn es um eher klassische Sportarten, um Vereine oder Rennställe geht, dann sponsert Red Bull nicht, dann kauft und lenkt Red Bull. Das hat für Mateschitz einen einfachen Grund: “Weil wir, wenn wir uns mit unserer Marke engagieren, für die Qualität und Richtigkeit der Umsetzung verantwortlich sein wollen und müssen. Marlboro oder Vodafone sind nicht Formel-1-Weltmeister, wenn Ferrari die WM gewinnt. Bei uns wird Red Bull Weltmeister.” (…)

Der Konzern gründete zwei eigene Formel-1-Teams und gewann vor kurzem die Weltmeisterschaft mit Sebastian Vettel, gegen 200 Millionen Euro kostet eine Formel-1-Saison. Er kaufte sich Fußballklubs in New York und São Paulo. Er eröffnete Fußballakademien in Ghana und Brasilien. Und jetzt ist es eben RB Leipzig. Ein Marketing- und Spaßvehikel. “Wirtschaftliche Ziele”, glaubt Mateschitz, “kann man mit einem Fußballklub wohl kaum verfolgen.” Er verbinde mit seinem finanziellen Engagement das Nützliche mit dem Spaß, seiner Passion für den Sport.

Ein Vater kurvt mit Fahrrad und Anhänger vor die Red Bull Arena in Leipzig. Es kommen überhaupt viele Familien. Väter, Mütter, mit den Kleinen. Das fällt auf, gerade hier im Osten Deutschlands, wo viele Fußballpartien von Ausschreitungen überschattet sind. In Leipzig bleibt es ruhig an diesem Sonntag, und so soll es auch bleiben. Neben gutem Fußball sei das für Red Bull das Wichtigste, findet Mateschitz. Probleme gibt es bei Auswärtsspielen. Denn auswärts wird RB Leipzig, dieses Sinnbild des Kommerzfußballs, so angefeindet, dass ein eigener Sicherheitsdienst Team und mitreisenden Anhang beschützen muss. “Neulich in Lübeck wurden sie bespuckt, in Jena wurden sie bedroht. In Braunschweig wurde das Vereinsemblem mit den beiden Bullen auf dem Bus beschmiert”, schrieb der “Spiegel”-Reporter, der mitgereist war.

Die “Leipziger Volkszeitung” verteilt den Kindern vor den Eingangsgittern Plüschtiere. Zehn Euro kostet der Eintritt für die Haupttribüne, für etwas mehr als 100 Euro gibts ein VIP-Tagesticket mit Verköstigung und Logenplatz. Das klingt gut, so gut, wie der im Stadionbauch parkierte Mannschaftsbus aussieht, ein Mercedes. Er hat die Spieler nach der Hotelnacht ins Stadion gefahren. Und er hat auch noch Salzburger Kennzeichen, weil er einmal den dort ansässigen Red-Bull-Fußballern gehörte. Die fürchten, dass sie seit Leipzig nur noch zweite Priorität sind. Vermutlich nicht zu Unrecht (…)

Dietmar Beiersdorfer war sechs Jahre lang Profi und sieben Jahre Sportdirektor beim Hamburger Traditionsverein HSV. Seit einem Jahr ist der 47-Jährige nun Leiter Fußball bei Red Bull. Er hat sich für den Wechsel entschieden, weil er vom Projekt Leipzig und von Dieter Mateschitz persönlich beeindruckt war. Ihm hätten die verkörperten Werte zugesagt, meint er. Welche Werte? “Dass mit Nachhaltigkeit etwas entwickelt werden soll, dass wir dabei aber auch neue Wege gehen können.”

Es geht für Beiersdorfer in Leipzig nicht nur um Geld, es geht für ihn auch um eine gesunde Entwicklung des Vereins. RB soll Ausstrahlung haben und sich über eine erfolgreiche Nachwuchsarbeit definieren. Auch in der Heimat verankern will er den Klub. Aber “selbstverständlich” sei es auch so, dass die Werte von Red Bull sich widerspiegeln bei RB: jung, kreativ, unabhängig, selbstbestimmt (…)

Geschätzte 100 Millionen Euro stehen für den Aufstieg in die 1. Bundesliga bereit. Ein Modell, wofür all die Fußballfans mit ihrem Flair für Tradition und Bodenständigkeit kein Verständnis aufbringen. Das versteht Mateschitz aber nicht. Auch Bayern München oder Real Madrid seien einmal neu gegründet worden, erklärt er. Und: “Zu Ihrer Information: Wir haben in der 4. Liga bei Heimspielen eine durchschnittliche Besucherzahl von knapp 5.200, bei guten Spielen 11.000 Zuschauern. Das hat es in ähnlicher Form nicht nur noch nicht gegeben, sondern beweist auch eine bereits hohe Bindung an einen noch so jungen Klub.” Sein Mann vor Ort, Dietmar Beiersdorfer, hat sich mit der Frage nach Identifikation auch auseinandergesetzt, bevor er den Arbeitsvertrag unterschrieb. Er sagt über den eigenen Verein: “Natürlich polarisiert er ein Stück weit. Doch von der Wirtschaft, der Bevölkerung, der Stadt erhalten wir positive Signale. Wir müssen den Klub nachvollziehbar entwickeln.”

Im Medienraum des Leipziger Fußballstadions gibt es Red Bull aus dem Kühlschrank. Und lauwarmes Mineralwasser. Über die Videoschirme des Stadions flimmert das hauseigene Programm. Vor dem Spielbeginn schreit ein Animator ins Mikrofon, so wie sie immer öfter anzutreffen sind in mitteleuropäischen Fußballstadien. Und überall thront der Schriftzug von Red Bull. Auf den Werbebanden. Beim Spielereingang. Auf den Trikots (…)

Der Klub veranstaltet ein großes Brimborium, das seinen zukünftigen Träumen entspricht. Nur passt es im Moment noch nicht richtig nach Leipzig. 7.122 Zuschauer sind gekommen an den Match am Sonntag gegen Hertha Berlin 2. Das ist viel für diese Liga, aber zu wenig für ein Stadion mit 45.000 Plätzen.

“Ich muss den Hut ziehen”, sagt Nico Frommer trotzdem, “wenn sich Mateschitz etwas in den Kopf gesetzt hat, dann verfolgt er sein Projekt mit aller Macht.” Der 32-jährige Frommer stürmte über zehn Jahre in der 1. und 2. Bundesliga, bevor er nach Leipzig wechselte. Er fühlt sich als “Teil von etwas Großem, das hier entsteht”. Er sagt über seinen Verein: “Wir sind für unsere Gegner das Bayern München der 4. Liga.” Er weiss aber auch, dass seine Dienste bald nicht mehr gefragt sind, wenn der Klub seinen Wachstumsplan erfolgreich umsetzen will. Dann wird RB Leipzig nach jeder Saison, aber vermutlich schon nach jeder Saisonhälfte, neues, besseres, teureres Personal verpflichten. Bereits jetzt im Winter dürfte es so weit sein. RB Leipzig liegt kurz vor der Winterpause 12 Punkte hinter dem Chemnitzer FC nur auf Rang 4.

RB Leipzig braucht größere Flügel.

Faksimile: glassblog.wordpress.com

Faksimile: glassblog.wordpress.com

[Quelle im vollständigen Original -> "Fussball aus der Dose", tagesanzeiger.ch, 14. Dezember 2010, 17:36]


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7 Antworten to Fundstück des Tages # 121 [RasenBallsport Leipzig, Champions League oder flügellahm?]

Ur-Leipziger

Dezember 16th, 2010 at 10:51

“Aber “selbstverständlich” sei es auch so, dass die Werte von Red Bull sich widerspiegeln bei RB: jung, kreativ, unabhängig, selbstbestimmt (…)”
Widerlichst… da wird man echt zum Brand victim abgestempelt…
Seit wann ist Rasenball “selbstbestimmend”?
Da wird doch die Richtung vom Sonnenkönig vorgegeben…!!!!

admin

Dezember 16th, 2010 at 11:01

“Aber “selbstverständlich” sei es auch so, dass die Werte von Red Bull sich widerspiegeln bei RB: jung, kreativ, unabhängig, selbstbestimmt (…)”

Diesen Sarkasmus konnte sich der Autor einfach nicht entgehen lassen. Überhaupt zeigt der Beitrag doch deutlich die ganzen Schwächen des Kunstproduktes auf.

Heiko

Dezember 20th, 2010 at 11:23

Trotzdem schaut man lieber in ein hübsches, denn in ein häßliches Gesicht.

admin

Dezember 20th, 2010 at 11:58

Heiko: Trotzdem schaut man lieber in ein hübsches, denn in ein häßliches Gesicht.

 
Ich schaue lieber in ein ehrliches Gesicht ;-)

Jay

Dezember 20th, 2010 at 12:25

admin:
 
Ich schaue lieber in ein ehrliches Gesicht

 
Ich schaue lieber in ein natürliches Gesicht, als in eins mit viel Geld künstlich aufgespritzt … ;-)
Grusel

Heiko

Dezember 22nd, 2010 at 10:39

Ihr wißt doch:
“Wenn Teufel schlimmste Laster fördern wollen,
verführ’n sie anfangs erst mit Heilgemschein.”
Jago, Shakespeare, Othello
 
 

Jay

Dezember 22nd, 2010 at 10:50

Heiko:
Ihr wißt doch:
“Wenn Teufel schlimmste Laster fördern wollen,
verführ’n sie anfangs erst mit Heilgenschein.”
Jago, Shakespeare, Othello

 
Schönes Sprichwort. Das triffts genau. Das ist der ”Pudels Kern”. ;-) (aus “Faust”)

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