Fundstück des Tages # 117 [Union Berlin goes to theatre]

Dezember 4, 2010 | In: 1. FC Union Berlin, 2. Bundesliga, Blog-Ostalgie, DDR-Ligen, Fundstück des Tages, Fußballfans, Rezensionen


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In loser Folge dokumentiert ostfussball.com in dieser Rubrik mehr oder weniger (ost)fußballtangierende Kostbarkeiten der deutschen Schriftsprache – unkommentiert, da die Fundstücke schon zumeist einiges postulieren, gleichzeitig durchaus selbst für oder gegen sich sprechen und dabei einfach nur Geschichten über die Geschichte zu erzählen scheinen; mitunter vielleicht sogar auch in teilweiser Entgegnung beziehungsweise Ergänzung einer vormaligen Publikation (Achim Mentzel, Vereinshymne für Union Berlin, Dynamo-Ball mit Erich Mielke) bei ostfussball.com

Faksimile: die-mark-online.de

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(…) In einer umgebauten Turnhalle hinter einer Kneipe trifft sich (…) seit nunmehr vier Jahren die Elite der Ostberliner Fußball­szene (…) Sie vertilgt hektoliterweise Bier und schärfere Getränke, schwingt eine rot-weiße Vereinsflagge und lässt zum abertausendsten Mal den Schlachtruf “Eisern Union!” erschallen. Es stört dabei überhaupt nicht, dass der Fußball nur auf der Theaterbühne stattfindet.

“Und niemals vergessen: Eisern Union – das Stück zum Spiel” von Jörg Steinberg ist eine lose Aneinanderreihung autobiographischer Szenen. Am Anfang kehrt der Protagonist als Dreizehnjähriger zum ersten Mal verbeult aus der Alten Försterei zurück. Am Ende beginnt er, das Stück zu schreiben. Zwischendurch geht es um Siege und Niederlagen, Auf- und Abstiege des 1. FC Union, schließlich auch um das Desaster von 1990 bis heute.

Inszeniert wird nicht nur die Vereinsgeschichte aus der Sicht eines Fans: Die sechs Darstellerinnen und Darsteller, allesamt gestandene Schauspieler aus dem Osten, mehr oder weniger in der Fangemeinde verankert, bringen eine schwer zu beschreibende Atmosphäre auf die Bühne. Die Dialoge bestechen durch soziale Genauigkeit und umwerfende Komik. Durchsetzt mit tragischen Momenten, ruft das Stück eine Lebensweise in Erinnerung, die mit dem Untergang der DDR unwiderruflich verloren ist.

Der Fanatismus eines eingefleischten Fußballfans besteht natürlich darin, dass er sein ganzes Leben am Fußball ausrichtet – obwohl oder weil das Unverständnis in seinem sozialen Umfeld kaum größer sein könnte. In der DDR war die Fußballverrücktheit eine von vielen Nischen. In der Bundesrepublik landet der Protagonist umgehend auf der Couch einer Seelenklempnerin. Später stößt der Sohn des hoffnungslosen Falls, der als Kleinkind mit der Union-Hymne in den Schlaf gewiegt wurde, zur Basketballjugend.

“Und niemals vergessen … ” entstand im Rahmen eines Sozialprojektes, wurde im Dezember 2006 anlässlich des 40. Jahrestages der Vereinsgründung uraufgeführt. Es gibt nun jährlich eine Neuinszenierung. Der Andrang nicht nur der Fangemeinde hat seine Ursache in einer unausgesprochenen Sehnsucht nach der guten alten Zeit, wo der Erfolg noch mehr vom Können der Spieler auf dem Rasen abhing als von Sponsoren und Kreditinstituten. Insofern ist das ungebrochene Bekenntnis der Union-Fans zu ihrer Mannschaft natürlich auch eine politische Entscheidung. Und dieses Stück auch ein politisches Stück (…)

Faksimile: glassblog.wordpress.com

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[Quelle im vollständigen Original -> "Und nie vergessen - Der 1. FC Union Berlin im Theater", jungewelt.de, 4. Dezember 2010]


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