Fundstück des Tages # 112 [Fußballeinheitsgala und trübes West-Auge]

November 25, 2010 | In: Fundstück des Tages, Nationalmannschaft, Test- und Freundschaftsspiele


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In loser Folge dokumentiert ostfussball.com in dieser Rubrik mehr oder weniger (ost)fußballtangierende Kostbarkeiten der deutschen Schriftsprache – unkommentiert, da die Fundstücke zumeist einiges schon selbst postulieren, dabei ihrerseits sprechen oder eben einfach nur Geschichten über die Geschichte erzählen; mitunter scheinbar sogar auch in teilweiser Ergänzung der einen (Leipzig: Budenzauber zur deutschen Einheit) oder anderen (DDR ist Weltmeister: Spiel der Legenden) vormaligen Publikation bei ostfussball.com

(…) Typische Einheitsfeier, 20 Jahre danach: Leipzig, einst Gründungsort des später nur noch westdeutschen Deutschen Fußball Bundes, erlebt das große Spiel “DDR-Legenden” gegen “Fußballweltmeister”, das so heißt, weil man es natürlich nicht DDR gegen BRD nennen kann. Die “Superillu”, Zentralorgan der Ost-Enttäuschung, ist seit Tagen aus dem Häuschen, die einheimischen Regionalblätter beschwören die Zeiten, als Ostdeutsche noch in der Bundesliga und in der Nationalmannschaften mitspielten. Matze Knop macht wie immer seine “Beckenbauer”-Nummer und Olaf Marschall hat immer noch eine Frisur, die, wäre sie eine Jeans, Stonewash-Karotte hieße.

“Ein gelungener Tag, ein gelungener Abend”, wird der Kommentator des MDR am Ende der Begegnung “Wir gegen uns” resümieren, gänzlich unbeobachtet allerdings vom Westteil der vereinten Fußballrepublik. Dort interessiert “das große Fest” (Waldemar Hartmann) niemanden. Während im Sendebereich der ehemaligen DDR sowohl MDR als auch RBB das Treffen der früheren Oberligakicker mit den einstigen Bundesliga-Idolen übertragen, sparen sich das die West-Anstalten von Bayerischen Rundfunk bis WDR, von SWF bis NDR. Auch die Fußball-Giganten aus der Ex-BRD bekommen mit Mühe eine Mannschaft zusammen: 14 Spieler nur, darunter der aus Kalifornien eingeflogene Jürgen Klinsmann, fanden Zeit, das 1990 wegen Sicherheitsbedenken ausgefallene Vereinigungsspiel nachzuholen.

“Heute ist alles sicher”, sagt der MDR-Schlachtberichterstatter. Der internationale Terror bedroht Berlin, nicht Leipzig, und die Republik schaut ohnehin nicht “auf diese Stadt” (Willy Brandt). Die Einheit, das ist die Botschaft, ist eine reine Ostangelegenheit, kein Grund zum feiern in Bochum, Köln oder Stuttgart, wiewohl es natürlich der konsumfreudige Osten war, der vor zwei Jahrzehnten dank westdeutscher Kreditschöpfung einsprang, die Dauerkrise von rheinischem Kapitalismus und Kohlscher Marktwirtschaft aufzubrechen (…)

ddr_legenden

(…) Hans-Georg Moldenhauer, vom Fußballchef der DDR umgeschult zum Vizepräsidenten des gesamtdeutschen Verbandes, nennt die deutsch-deutsche Fußballeinheit eine “Erfolgsgeschichte”.

Er meint damit wohl vor allem, dass der Fußballwesten erfolgreich gewesen ist: Zwischen Rostock und Zwickau rollt der Ball heute nur noch in den unterklassigen Ligen. Einstige DDR-Spitzenklubs wie der 1. FC Magdeburg, Dynamo Dresden oder Carl Zeiss Jena stehen im Abstiegskampf in unteren Ligen; Traditionsvereine wie der Hallesche FC, Lok Leipzig oder Chemnitz dümpeln in der vierten oder gar fünften Liga herum. Mit Aue, Cottbus und Union Berlin haben es ganze drei der letzten 14 Oberliga-Klubs geschafft, bis heute weiter Profifußball zu spielen. In der Fußball-Bundesliga standen am letzten Spieltag vor dem Vereinigungsmatch ganze vier Profis aus den neuen Ländern auf dem Platz. Das sind knappe zwei Prozent aller deutschen Erstliga-Spieler – bei einem ostdeutschen Bevölkerungsanteil von zirka 15 Prozent fast achtmal weniger, als rein statistisch zu erwarten wäre.

Dennoch ein gutes Ergebnis, das der Fußball da erzielt, verglichen mit den Medien, die über ihn berichten. Auf der MDR-Couch bei der “großen Fußballeinheitsgala” in Leipzig wird das Problem engagiert diskutiert: Von Oliver Bierhoff, DFB-Manager, geboren in Karlsruhe. Von Guido Buchwald, Ex-DFB-Nationalspieler, geboren in Westberlin. Von Waldemar Hartmann, Moderator und Komödiant, geboren in Nürnberg. Von Matze Knop aus Lippstadt in Nordrhein-Westfalen. Und von Miriam Pielhau, Moderatorin, geboren in Heidelberg.

Die DDR-Legenden hatten das Spiel zuvor mit 2:1 gewonnen. Ein Sieg war das nicht.

pussy

[Mit Dank für den Lesetipp von politplatschquatsch.com und dortselbst vollständig im Original -> "Wir gegen uns: Fußball-Einheit nur im Osten", 21. November 2010]


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3 Antworten to Fundstück des Tages # 112 [Fußballeinheitsgala und trübes West-Auge]

[ab]

November 25th, 2010 at 13:44

Köstliche Satire zu einem Fußballfest in Sparversion.

Danke an die Kollegen von politplatschquatsch.com und natürlich auch wie immer an den öffentlich-rechtlichsten Heimatsender aller Mitteldeutschen für die Bereitstellung der Grundversorgung für die demokratische Ordnung ebenso wie für das kulturelle Leben in der ehemaligen Zone. Ich habe mich köstlich über diesen Beitrag amüsiert, obwohl es eigentlich zum Heulen ist!

Schade, dass die Sitzung in der Leipziger Messe anschließend an dieses “tolle Fussballevent” nicht auch noch in diesen Beitrag eingegangen ist. Vollpfosten, Flitzpiepen, Denkzwerge, Bodenturner, Zipflklatscher und sonstige sportliche Funktionäre verliehen sich dort gegenseitig massenhaft Orden für ihre gute Arbeit und Verdienste.

[om]

November 26th, 2010 at 14:20

Im weiteren Zusammenhang dann auch nur mehr schlecht als recht -

“(…) Der vierfache Torschützenkönig der DDR-Fußball-Oberliga Hans-Jürgen Kreische wusste vor einer Woche nicht so recht, ob er laut lachen oder doch lieber leise weinen sollte. Vor der Namensweihe zur Helmut-Schön-Allee wurde er vom Leih-Moderator Jörn-Torsten Verleger den etwa 200 Gästen als Fußballweltmeister 1974 verkauft. Der gute Mann musste den Dresdner Sportbürgermeister Winfried Lehmann ersetzen, gilt aber in Rathauskreisen als der profunde Sportkenner der Landeshauptstadt. Immerhin ist er der Leiter des Büros für die kommende Fußball-Weltmeisterschaft der Frauen. Nur mal ein ganz kleiner Hinweis. Weltmeister wurde die BRD und Kreische ist Dresdner. Wenn der Moderator aber auf Grund der Niederlage in Hamburg und der neuerlichen im 20-Jahre Einheitsspiel auf die Idee kam, dass ja eigentlich nur die DDR der einzig wahre Champion sein kann, dann hätte er uns das verklickern müssen.

Aber mit der Fußball-Einheit ist das ohnehin so eine Sache. Während der Gala am letzten Sonntag in Leipzig vermisste der einheimische Fußballfan die Ikonen. Kreische wurde gleich gar nicht eingeladen, anderen wie Jürgen Croy und Achim Streich wurde vom reichsten Sportverband der Welt ans Herz gelegt, doch für Unterkunft und Verpflegung bitteschön selbst zu sorgen (…)”

[Gert 'Zimmi' Zimmermann in seiner wöchentlichen Kolumne "Einwurf", wochenkurier.info, 24. November 2010]

[om]

November 26th, 2010 at 15:05

Und zudem beispielsweise den “Nachschuss” von Andreas Lorenz mitnichten unter den virtuellen Tisch fallen lassend -

“(…) Ich hatte ja wirklich ein zwiespältiges Gefühl bei dieser Vereinigungs-Gala des deutschen Fußballs in Leipzig. 20 Jahre nach einem der größten und brutalsten Raubzüge der Wiedervereinigung. Das hat schon was, mit einer Region Friede, Freude und Fernsehkuchen zu feiern, die systematisch entlaubt wurde. Stars weggekauft. Vereine alleine gelassen oder von windigen West-Investoren zugrunde gerichtet. Und die Regeln immer so hingebogen, dass es für die Ost-Klubs ganz besonders schwer wurde. Genau deswegen fand ich den Sieg der DDR-Legenden auf dem Platz des sonst weitgehend brach liegenden Leipziger WM-Stadions ziemlich genial. 1:0 1974. 2:1 2010. Siege in Hin- und Rückspiel. Und jede Menge Erinnerungen wurden wach. Ich freute mich, dass ich noch mehr Haare habe als Andy Thom und weniger Bauch als Andy Brehme (wenn auch nur knapp). Ich bewunderte Burkhard Reich und den Schwatten, Diego Buchwald und auch Loddar. Letzteren aber rein fußballerisch, nicht als 80-Minuten-Heulsuse. Und egal, ob Wessi oder Ossi, jeder wird zugeben, dass Ede eine bessere Trainershow bot als Berti. Der Fußball der DDR, er durfte eine seltene Feier genießen. Aber, sieh an, Aue, Rostock und Chemnitz heißen die aktuellen Tabellenführer in Liga 2, Liga 3 und Regionalliga Nord. Der Ost-Fußball lebt. Er kickt sogar!”

["Der Ost-Fußball lebt und kickt!", berlinonline.de/berliner-kurier, 22. November 2010]

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