Finale? DFB/DFL vs. Ultras und Fankultur

Oktober 18, 2012 | In: 1. Bundesliga, 1. FC Union Berlin, 2. Bundesliga, Deutscher Fußball-Bund, Fußballfans, Ultras


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Fußballdeutschland diskutiert seit nunmehr geraumer Zeit über das scheinbar ultimativ ‘sichere Stadionerlebnis’. Diskutiert Fußballdeutschland wirklich? Ganz Fußballdeutschland? Wer diskutiert oder lässt diskutieren? Und wer schweigt? Wer schweigt, stimmt zu. Oder tanzt heimlich. Nur – wo und wie wird in Zukunft zu welcher Melodei noch getanzt werden können? “Was die Fürsten geigen, müssen die Untertanen tanzen”, steht vielleicht nicht nur durchaus bedeutungsschwanger im Raum und darüber hinaus beispielsweise auch die Frage …

Sicheres Stadionerlebnis: Finaler Schlag des DFB gegen Ultras und Fankultur?

(…) Mit der “Task Force Sicherheit” fing im November 2011 alles an (…) Mitte Juli 2012 fand dann in Berlin die Sicherheitskonferenz statt. Betrachtet man die Essenz, könnte man meinen, es gehe um Friedens- beziehungsweise Kriegseinsätze im Kongo, Irak oder in Afghanistan (…)

Nun darf jeder für sich selbst entscheiden, was DFB, DFL und BMI [Bundesministerium des Innern] im November 2011 am Runden Tisch ins Leben gerufen haben. Eine Arbeitsgruppe? In Kombination mit den Schlagworten Verhaltenskodex, Kontrollsysteme, Prävention, Gerichtsbarkeit und Verbote klingt die Angelegenheit eine Nummer schärfer. Der Kampf beziehungsweise der Einsatz kann beginnen. Gegen wen? Gegen was? Gegen aufmüpfige Ultrà-Gruppierungen und Fußballfans. Gegen eine Fankultur, die einfach ihre eigenen Wege geht und nicht ins Marketingkonzept von DFL und DFB passt.

(Foto: Ostfussball.com)

Im Netz kursiert seit einigen Tagen eine pdf-Datei mit dem Titel “Informationen und Diskussionen über weitere Schritte zur Umsetzung der Ergebnisse der Sicherheitskonferenz in Berlin und der Innenministerkonferenz (“Sicheres Stadionerlebnis”)”. Nun wurde in diversen Blogs und Fußball-Foren diese Datei bereits unzählige Mal filetiert und ausdiskutiert. Trotzdem lohnt ein weiterer Blick in das 33-seitige Dokument. Schließlich scheint es jetzt ums Ganze zu gehen. Mit der juristischen Keule wird zum großen Schlag ausgeholt (…)

(…) Die jeweiligen gegenwärtigen Strafmaße scheinen bei weitem nicht zu genügen. Drakonischer soll es zugehen. Das schnuppert nach weißrussischen Verhältnissen in den Stadien. Überwachung pur und knallharte Strafen für jegliche Vergehen. Allerdings sind selbst in einer strammen Diktatur oder in einem halbdemokratischen Land mit einem extrem ausgebauten Polizeiapparat die Stadien nicht wirklich friedlich (…)

Der Punkt “Sportgerichtsbarkeit” ist nur einer von sechs Punkten. So soll es bei den Stadionverboten zu einer Neubewertung der Laufzeitverkürzung von 2007 kommen. Fan-Privilegien soll es nur noch in Verbindung von verbindlichen Fan-Kodizes geben. Stichwort Verhaltenskodex. Zu diesem sollen sich alle Beteiligten gemeinsam bekennen. Des Weiteren in Planung: Die technischen und organisatorischen Möglichkeiten bei den Einlasskontrollen sollen verbessert werden. Ein zielgerichteter Ticketverkauf soll diskutiert werden. Spätestens jetzt drückt und grummelt es in der Magengegend ganz heftig. Zielgerichteter Ticketverkauf? Da lässt einiges offen. Einiges vermuten. Einiges befürchten. Auf dem Prüfstand – und das ist nicht wirklich überraschend – sind zudem die Stehplätze, die zwar Teil der Fußballkultur in Deutschland, jedoch kein “unveränderbarer Besitzstand” seien. Zum Erhalt der Stehplätze müssen laut Papier auch die Fans ihren Beitrag leisten. Andauerndes Fehlverhalten von Störern und Problemfans könne den Erhalt der Stehplätze gefährden.

Auf Seite 15 der pdf-Datei geht es dann ums Eingemachte. Genau gesagt um die Statuarische Verankerung von Mindestvorgaben einer Vereinbarung zwischen Clubs und Fans. Diverse Fan-Privilegien sollen nicht länger gewährt werden, sollte die Fanvereinbarung nicht eingehalten werden. Von welchen Privilegien ist eigentlich die Rede? Die Möglichkeit, ein Ticket zu erwerben? Ein Stück Stoff in ein Fußballstadion mitnehmen zu dürfen? Die Meinung frei äußern zu dürfen? Wenn das bereits Privilegien sind, die entzogen werden können, dann gute Nacht Fußballdeutschland! (…)

Als gegebenenfalls statuarische Verpflichtung soll flächendeckend die Einrichtung eines Videoüberwachungssystems eingeführt werden (…) Für Fans “interessanter” ist die Durchführung von “Personen-Körperkontrollen” beim “Zugang zu bestimmten Bereichen” (…) Wie weit diese Körperkontrollen gehen, bleibt ungeklärt. Ein Blick in die Unterhose? Ein prüfender Blick in den Genitalbereich? Nun mag eine Exploration unter medizinischen Gesichtspunkten hilfreich sein, doch was hat diese am Eingangsbereich eines Stadions zu suchen? (…)

Nur zu klar, dass der Protest immer lauter wird. Anfangs dachte manch einer, diese kursierende pdf-Datei sei ein Witz (…) Der 1. FC Union lehnt diesen Entwurf als Ergebnis ab und veröffentlichte sogleich eine “ausführliche begründete Positionierung” (…)

Ein großes Medienecho fand die Positionierung des 1. FC Union Berlin leider noch nicht. Neben den Berliner Platzhirschen BZ, Berliner Kurier und Berliner Morgenpost berichteten bisher nur die Onlinemagazine Berliner Umschau und Ostfussball.com über die klaren Worte aus Berlin-Köpenick. Apropos Echo. Wo bleiben eigentlich die Bekenntnisse der anderen Vereine, die in der Regel eine Nähe zu ihren Fans beziehungsweise Ultras pflegen? (…) Gewiss, in den Foren läuft das Thema “Sicheres Stadionerlebnis” heiß. Offizielle Erklärungen sind dagegen im Netz Mangelware. Die Erklärungen und Positionierungen zahlreicher Fanklubs und Fußball-Blogs mal ausgenommen.

Immerhin: Es geht wirklich ums Ganze! Man werfe einen Blick auf die Seiten 31 und 32 der pdf-Datei. “Forderungen an Dritte”. Schwarz auf weiß. Darunter die Meisterschale. Dann geht’s zur Sache. “Mögliche Forderungen an den Gesetzgeber: Anpassung des Sprengstoffgesetzes im Hinblick auf Pyrotechnik”. Oha. Seit wann stellen Sportverbände Forderungen bezüglich der Gesetze unseres Landes? Vielleicht kommt bald der Bund Deutscher Radfahrer (BDR) daher und fordert Änderungen in der Straßenverkehrsordnung (StVO)? Nun gut, Vorschläge kann jeder einbringen, aber gleich Forderungen stellen? Und weiter geht’s. “Mehr Transparenz: Auskünfte über den Stand von polizeilichen Ermittlungen gegen Tatverdächtige”. Diese Forderung schlägt doch glatt dem Fass den Boden aus. Man stelle sich vor, jeder Verein, jeder Verband, jede Firma, jede Gesellschaft würde bei der Polizei oder der Staatsanwaltschaft Auskünfte einfordern.

Die restlichen Forderungen überraschen dagegen kaum. Gefordert werden eine sofortige Ermittlung der Tatverdächtigen, eine konsequente Durchsetzung des Gewaltmonopols des Staates, eine konsequente und schnelle Durchführung von Ermittlungs- und Strafverfahren, eine vermehrte Anwendung beschleunigter Verfahren, eine Mitteilung von Identitätsfeststellungen durch die Polizei und eine Aktualisierung/Überprüfung der Einträge der Datei “Gewalttäter Sport” (…)

(…) Düstere, bedrohliche Wolken, die heranziehen? Droht die letzte Schlacht? Ein letzter großer Kampf um den Erhalt der Fankultur? Was kann eigentlich von Seiten der Verbands das Ziel des Ganzen sein? Letzten Endes stehplatzfreie Arenen mit einem Publikum, das kritiklos eine Entertainment-Show konsumiert? Wäre dies das prophezeite “sichere Stadionerlebnis”? (…)

Der Artikel “Sicheres Stadionerlebnis: Finaler Schlag des DFB gegen Ultras und Fankultur?” von Marco Bertram wurde – mit einem persönlichen Fazit des Autors – im Original am 18. Oktober 2012 veröffentlicht. Die auszugsweise Publizierung bei Ostfussball.com erfolgt mit freundlicher Genehmigung von turus.net.


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6 Antworten to Finale? DFB/DFL vs. Ultras und Fankultur

[om]

Oktober 18th, 2012 at 21:58

(…) Nach dem 1. FC Union Berlin hat sich auch der FC St. Pauli aus der “Kommission Sicherheit” zurückgezogen. Die beiden Zweitligisten sind mit den neuen Sicherheitskonzepten des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) und der Deutschen Fußball-Liga (DFL) nicht einverstanden. Beide Verein lehnen das Konzeptionspapier “Sicheres Stadionerlebnis” ab (…)

| express.de | 18. Oktober 2012 | 21:18 |

(…) Die Hauptkritik von Union und St. Pauli: Für die Grundannahme, dass es in letzter Zeit überhaupt zu mehr Gewalttaten in und um Fußballstadien gekommen sei, fehlten belastbare Zahlen. Die damit vorgeschlagenen Maßnahmen seien als unverhältnismäßig, unangemessen und in Teilen unzweckmäßig zu bewerten. Die Verbände würden zudem mit den neuen Sanktionsmaßnahmen den Dialog mit den Fans behindern. Und dass “DFB/DFL ihre Macht derart ausspielen”, führe “derzeit auf eine beunruhigende Eskalation zu.” (…)

| ndr.de | 18. Oktober 2012 | 18:54 |

[ab]

Oktober 19th, 2012 at 01:37

Danke Marco, der Beitrag von dir auf turus.net ist sehr umfangreich und bringt es meiner Meinung nach auf den Punkt. Gute Arbeit!

[om]

Oktober 19th, 2012 at 07:28

(…) Konkret äußern wollte sich auf Nachfrage niemand bei der DFL, der Diskussionsprozess solle weiterhin intern ablaufen. So klang Mediensprecher Dirk Meyer-Bosse, auf das Positionspapier des 1. FC Union angesprochen, nur etwas vergrätzt. Man solle aufpassen, vor welchen Wagen man sich spannen lasse (…)

| neues-deutschland.de | 19. Oktober 2012 |

[om]

Oktober 19th, 2012 at 17:57

(…) Der 1. FC Union Berlin übt harte Kritik am Sicherheitskonzept der Deutschen Fußball-Liga. Im Gespräch kündigt Präsident Dirk Zingler weitere Mitstreiter an, auch aus der Bundesliga (…)

| sportschau.de | 19. Oktober 2012 | 16:54 |

(…) Der von Fußball-Fans in ganz Deutschland abgelehnte Verhaltens-Kodex wird offenbar doch nicht realisiert. BVB- und Liga-Präsident Dr. Reinhard Rauball hat sich dafür ausgesprochen, die Entscheidung über den Kodex ins Frühjahr zu verschieben. Zuvor müsse noch mit Fans diskutiert werden (…)

| derwesten.de | 19. Oktober 2012 | 16:24 |

admin

Oktober 22nd, 2012 at 09:42

(…) Hertha BSC hat sich als dritter Verein gegen ein Papier ausgesprochen, dass die Deutsche Fußball Liga (DFL) unter der Überschrift “Sicheres Stadionerlebnis” an die 36 Profiklubs der ersten und Zweiten Liga verschickt hat. “Hertha BSC ist der festen Überzeugung, dass sich in einer tragfähigen Lösung auch zwingend die Meinungen der Fans wiederfinden müssen”, hieß es in einer Hertha-Mitteilung von Präsident Werner Gegenbauer sowie der Geschäftsführer Michael Preetz, Ingo Schiller und Thomas E. Herrich (…)

[ab]

Oktober 22nd, 2012 at 17:12

Auch der FC Augsburg sagt heute ab. Das Papier der DFL kann man also schon jetzt als gescheitert ansehen.

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