DDR-Oberliga vor 30 Jahren # 10
August 10, 2010 | In: 1. FC Lok Leipzig, 1. FC Magdeburg, BFC Dynamo, Blog-Ostalgie, BSG Chemie Böhlen, BSG Sachsenring Zwickau, BSG Stahl Riesa, BSG Wismut Aue, DDR-Ligen, FC Carl Zeiss Jena, FC Hansa Rostock, FC Karl-Marx-Stadt, FC Rot-Weiß Erfurt, FC Vorwärts Frankfurt, Fußballfans, Hallescher FC, SG Dynamo Dresden
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Der Start der DDR-Oberliga 1980/1981 verlief gleich sehr torreich. Insgesamt fielen 29 Tore in den sieben Begegnungen des 1. Spieltages der neuen Spielzeit. Für die Überraschung des Tages sorgte der Aufsteiger aus Böhlen mit einem, zu jeder Zeit verdienten, 2:0 Sieg über die BSG Sachsenring Zwickau. Der 1. FC Magdeburg durfte aufgrund der besseren Tordifferenz die Tabellenführung nach einem grandiosen 5:2 Sieg bei Rot-Weiß Erfurt übernehmen.
Ergebnisse des 1. Spieltag 1980/1981
Sa 23.08. 15:00 BSG Stahl Riesa - FC Carl Zeiss Jena 3:5
Sa 23.08. 15:00 Berliner FC Dynamo - Hallescher FC Chemie 3:0
Sa 23.08. 15:00 Chemie Böhlen - BSG Sachsenring Zwickau 2:0
Sa 23.08. 15:00 Hansa Rostock - 1. FC Lokomotive Leipzig 2:2
Sa 23.08. 15:00 FC Karl-Marx-Stadt - FC Vorwärts Frankfurt 1:1
Sa 23.08. 15:00 FC Rot-Weiß Erfurt - 1. FC Magdeburg 2:5
Sa 23.08. 15:00 Dynamo Dresden - BSG Wismut Aue 3:0
Tabelle nach dem 1.Spieltag 1980/1981
1. 1. FC Magdeburg 1 1 0 0 5:2 +3 2-0
2. Dynamo Dresden 1 1 0 0 3:0 +3 2-0
2. Berliner FC Dynamo 1 1 0 0 3:0 +3 2-0
4. FC Carl Zeiss Jena 1 1 0 0 5:3 +2 2-0
5. Chemie Böhlen 1 1 0 0 2:0 +2 2-0
6. 1. FC Lokomotive Leipzig 1 0 1 0 2:2 0 1-1
6. Hansa Rostock 1 0 1 0 2:2 0 1-1
8. FC Karl-Marx-Stadt 1 0 1 0 1:1 0 1-1
8. FC Vorwärts Frankfurt 1 0 1 0 1:1 0 1-1
10. BSG Stahl Riesa 1 0 0 1 3:5 -2 0-2
11. BSG Sachsenring Zwickau 1 0 0 1 0:2 -2 0-2
12. FC Rot-Weiß Erfurt 1 0 0 1 2:5 -3 0-2
13. Hallescher FC Chemie 1 0 0 1 0:3 -3 0-2
13. BSG Wismut Aue 1 0 0 1 0:3 -3 0-2

Foto: mitropa-freunde.de
Das wichtigstes Verkehrsmittel, um Auswärtsspiele der DDR-Oberliga zu besuchen, waren ganz klar die Züge der Deutschen Reichsbahn. Dieser im Prinzip nicht ganz zeitgemäße Name stammte noch aus der Weimarer Republik und wurde auch während der Zeit des Nationalsozialismus im Deutschen Reich verwendet. Die so genannten Kommunisten der Deutschen Demokratischen Republik schienen sich aber auch nicht großartig daran zu stören. Der Grund lag wohl bei den hohen, im Ausland liegenden, Vermögenswerten, um die man sich jahrelang mit der Deutschen Bahn der BRD stritt.
In enger Interaktion zur Eisenbahn stand auch die Mitropa. Sie nutzte das an einen Reichsadler (siehe Foto) erinnernde Zeichen in der DDR aber abgewandelt. Der Adlerkopf über dem “M” entfiel, das vormals vierspeichige, in der Verbindung mit dem Adler an ein Hakenkreuz erinnernde Rad erhielt fortan zwei weitere Speichen. Solche Mitropa-Restaurants gab es praktisch an jedem noch so kleinem Bahnhof in der DDR. Auf den Langstrecken gab es auch spezielle Mitropa-Abteile oder auch nur Verkaufsstände in ausgewählten Reisezügen.
So entwickelten sich diese beiden volkseigenen Betriebe in der DDR gerade bei den Fußballfans der achtziger Jahre zu einem wichtigen Dreh- und Angel-Kreuz für Besuche außerhalb des eigenen Stadions. Die Abstecher dauerten dabei schier endlos, auch wenn das Ankunftsziel oftmals nur wenige Kilometer von zu Hause entfernt lag. So dauerte beispielsweise eine Verbindung zwischen Karl-Marx-Stadt ins 29 Kilometer entfernte Aue rund 2 Stunden. Die Abteile waren nach solchen Kurztrips meistens nicht mehr zu gebrauchen oder mussten hinterher neu aufgebaut oder instand gesetzt werden. Aschenbecher an den Armlehnen gehörten im Allgemeinen zu den Andenken, Gardinen oder Gepäcknetze flogen einfach aus den Zügen. Die Zerstörungsrate war extrem hoch und die Reichsbahn im Prinzip völlig machtlos gegen diesen Vandalismus.
Bezahlt wurde für die Auswärtsfahrten ebenfalls nur selten, es gehörte einfach zum guten Ton “schwarz zu fahren”. Da die Züge meist nur von zwei bis drei Trapo-Beamten und einem Schaffner begleitet wurden, war es für diese eine unlösbäre Aufgabe, ganze Horden von angetrunkenen Fans zu kontrollieren. Entweder versteckte man sich auf der Toilette oder man verließ an einem der vielen Haltepunkte unterwegs den Zug hinten, um dann wieder vorne einzusteigen.
Einige Leute waren aber auch ziemlich dreist: Ich erinnere mich da an eine Auswärtsfahrt nach Berlin, als ein Fan beobachtete, wie ein normaler Reisender das WC besuchte. Als der Ahnungslose, auf dem Lokus sitzend, plötzlich von draußen dazu angehalten wurde: “Fahrkartenkontrolle – Bitte schieben Sie Ihren Fahrtausweis durch den Schlitz!” Bereitwillig wurde das Billet zur Entwertung unten durch geschoben und weg war es – natürlich nicht an den Schaffner.
Waren Bier und Schnaps unterwegs restlos aufgebraucht, fungierten die Mitropa-Abteile als wichtige Nachschubstellen, um den Alkoholspiegel auf hohem Level zu halten. Vielmalig waren diese Versorgungseinrichtungen an Bord der Eisenbahn mit dem Ansturm der durstigen Fahrgäste hoffnungslos überlastet und wurden einfach leer gekauft. Obwohl alles sehr erschwinglich im Vergleich zu heute war, waren die Finanzen bei den jungen Nachwuchsfans meist sehr knapp bemessen. Ein Lehrling im ersten Lehrjahr verdiente gerade mal 120 Ost-Mark im Monat. Nicht viel, wenn man auch noch F6-, Club- oder Cabinet-Raucher war. Deshalb war auch die Marke “Caro ohne Filter” zum halben Preis sehr angesagt. Die “Alten” zeigten sich aber oft spendabel und am Ende waren alle irgendwie rundherum versorgt. Und so gab man es auch später von Generation zu Generation weiter.
Nicht selten wurden unterwegs aber auch Konsum- oder HO-Kaufhallen an den Umsteigebahnhöfen regelrecht geplündert. Sehr beliebt waren Nordhäuser Doppelkorn, Goldkrone aber auch Pfeffi (Pfefferminzlikör) und Kiwi (Kirschwhisky). Manche trugen auch Bierkästen einfach am Kassenpersonal vorbei, das dann nur noch machtlos zuschauen konnte. Erwischt wurde man bei solchen Aktionen recht selten. Zurück im Zug wurde alles friedlich geteilt, bis die Reserven irgendwann im Laufe des Tages wieder aufgebraucht waren.
Aber auch in der fußballfreien Zeit waren die Mitropas auf den Bahnhöfen Anlaufpunkte für allerhand extraordinäre Leute. Hier traf sich im Prinzip die “Creme de la Creme” der DDR-Unterwelt. Frisch aus dem Knast Entlassene trafen hier ebenso sofort wieder auf alte Kumpane, wie asoziale und arbeitsscheue Elemente der sozialistischen Gesellschaft und eben die Subkultur der Fußballfans der wilden Achtziger. So genannte “Bahnhofsnutten” ( Prostitution war ja offiziell verboten) oder aus umliegenden Jugendwerkhöfen frisch entlaufene nymphomanische, minorenne Mädchen konnte man dort auch immer wieder einmal antreffen. Wieso waren die eigentlich immer blond?
Die Ausbreitung von Geschlechtskrankheiten war im Umfeld solcher Bahnhofs-Lokalitäten enorm hoch. Oftmals trafen sich gleich ganze Fanclubs nach dem Kontakt mit so einem Girlie gemeinsam auf einer der Aufnahmestellen der örtlichen Gesundheitsbehörden. Durch dieses breitgefächerte Publikum hatten die Mitropa-Restaurants nach außen hin ein besonders schlechtes Image und einen extrem verruchten Charakter. Das Essen in diesen Kantinen bestand fast ausschließlich aus Soljanka, Bockwurst mit Brötchen oder mit ohne Brötchen, dafür mit Kartoffelsalat – oder halt eben der allzeit beliebte Goldbroiler (Brathähnchen). Von Esskultur konnte man also nicht gerade sprechen, es wurde ja auch mehr getrunken.
Zu erwähnen wäre an dieser Stelle noch, dass das Besteck mit original Mitropa-Aufschrift sehr gerne entwendet wurde und so manche heimische Küche schmückte. Irgendwie waren Reichsbahn und Mitropa aus der damaligen Fankultur nicht weg zu denken und sollten deshalb auch einen Platz in dieser Oberliga-Rückschau von 1980 finden.
[Hoppel, z.Z. in Mannheim]
Alle bisherigen Beiträge unserer Reihe können hier gelesen werden :
DDR-Oberliga vor 30 Jahren # 9
DDR-Oberliga vor 30 Jahren # 8
DDR-Oberliga vor 30 Jahren # 7
DDR-Oberliga vor 30 Jahren # 6
DDR-Oberliga vor 30 Jahren # 5
DDR-Oberliga vor 30 Jahren # 4
DDR-Oberliga vor 30 Jahren # 3
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