BFC Dynamo: Mike-Polley-Gedächtnisturnier 2010

September 1, 2010 | In: BFC Dynamo, Fußballfans, Hooligans, Ultras


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Vor 20 Jahren kam es in Leipzig zu den bis dahin schlimmsten Ausschreitungen beim Fußball auf dem Gebiet der fast noch DDR. Dabei wurde am 3. November 1990 der 18-Jährige Mike Polley beim Spiel des FC Sachsen Leipzig gegen den FC Berlin (BFC Dynamo) durch die Kugel eines Polizisten getötet. Ein fataler Fehler, wie sich später heraus stellte, denn Mike war kein Hooligan!

Ein Augenzeuge von damals berichtet:

Mike P. hatte zum Zeitpunkt, als ihn die Schüsse trafen, einen Abstand von etwa 100 Metern zu den Schützen. Erst nachdem aufgehört wurde zu schießen, kam den Fans richtig zu Bewusstsein, dass scharf geschossen worden war. Es lagen mehrere Verletzte am Boden. Eine unbeteiligte Frau auf dem Bahnsteig hatte aus etwa 150 bis 200 Metern Entfernung einen Beindurchschuss erlitten. Mehrere Personen gingen unbewaffnet und mit erhobenen Händen auf die Polizisten zu und riefen: “Wir haben einen Toten und mehrere Verletzte, wir brauchen einen Notarzt und einen Krankenwagen”. Zur Antwort erhielten sie von einem Polizisten mit gezückter Waffe: “Noch einen Schritt und ich schieße!”

Nach den Todesschüssen demonstrierten dann am 10. November 1990 über 1.000 Fußballfans (darunter auch der Spieler Waldemar Ksienzyk vom FC Berlin) in Berlin-Prenzlauer Berg im Rahmen der DDR-Oberliga-Partie zwischen dem FC Berlin und dem HFC Chemie gegen Polizeigewalt.

Sehr schlimme Szenen gab es auch im Jahr 2005 zum 3. Gedächtnisturnier. Gegen 1.30 Uhr stürmte ein Großaufgebot der Polizei, darunter sogar Teile des SEKs, die Diskothek Jeton in der Frankfurter Allee. Im offiziellen Polizeibericht hieß es damals, dass bei den anwesenden BFC-Fans unter anderem nach Waffen gesucht wurde. Zur allgemeinen Verwunderung konnte die Staatsmacht gar einen richterlichen Durchsuchungsbeschluss vorweisen, bei dem es darum ging, potenzielle Hooligans unter den Fans auszumachen, insbesondere sogenannte “Anführer”. In der Disco feierte man den Abschluss des 3. Mike-Polley-Gedenkturniers mit Teilnehmern aus Schweden, Schottland und Deutschland. [Blog]

mike_polley_2010_1

Foto: triosfussballseite.de

Anlässlich des 20. Todestages wurde auch in diesem Jahr wieder ein Fanturnier mit ursprünglich 39 gemeldeten Mannschaften durchgeführt. Einige Impressionen, des 9. Turnier zum Gedenken an Mike Polley, möchten wir an dieser Stelle veröffentlichen.

Foto: triosfussball.de

Foto: triosfussballseite.de

Alle gemeldeten Teilnehmer:

1.​ Sektion & Kreuz­berg United
2.​ COPACA­BA­NA
3.​ Dynamo Lich­ten­berg
4.​ Rathenow
5. X-​Tre­me
6. Koch­box
7. FC Wolle
8. A-​hof1199
9. Ka­no­nen­fut­ter PD
10. 1.​FC Stan­dard
11. Dy­na­mo Fried­richs­hain
12. Böhse Ossis
13. N.M.i.P.
14. LS Erich Miel­ke LE
15. 3.​HZ Mag­d­e­burg
16. Bobby Mar­zahn
17. Freun­de der 3.​Mahlzeit
18. Plöt­ze 66
19. FC Har­ter Kern 97
20. Gum­mi­bä­ren­ban­de Ber­lin
21. Frak­ti­on Han­no­ver
22. La Fa­mi­lia Mar­zahen
23. Ger­ma­nen­hof
24. Team Ent­re­co­te
25. Bo­rus­sia Fried­richs­fel­de Frei­zeit
26. Frak­ti­on H
27.  Sturm Pan­kow
28.  SGD letz­te Reihe
29. Box­club Dy­na­mo
30. Ber­li­ner Fuß­ball Cafe´
31. Weis­sen­se­er Hin­ter­hof­ki­cker
32. HSH Süd
33. Glas­point
34. Newry Town
35. Box­club Vor­wärts Wur­zen
36. FC Ko­so­vo
37. White Lake City
38. Hoo­ly­wood Ost-​Ber­lin
39. Kin­der­heim Ma­ka­ren­ko

In diesem Jahr nahmen insgesamt 36 Mannschaften aus ganz Deutschland  bei diesem, schon zur langjährigen Tradition gewordenen, Fanturnier in Berlin teil. Drei gemeldete Teams mussten leider aus diversen Gründen kurzfristig absagen. Die Teilnehmerzahl in den vergangenen Jahren lag dabei deutlich höher. Oftmals spielten mehr als 50 Mannschaften um die begehrte Trophäe. Auch die Freunde aus Schottland waren zwar angemeldet, hatten aber dann doch irgendwie den Flug verpasst. Ansonsten waren unter den Teilnehmern wieder fast alle, wie schon beim letzten Turnier, anwesend; es fehlte lediglich das Team aus Bochum.

Es wurde in vier Gruppen mit fünf Mannschaften und drei Gruppen mit sechs Mannschaften gespielt. Dabei wurden insgesamt 294 Tore erzielt, wobei davon 256 Tore auf die Vorrunde und 38 Tore auf die Finalspiele entfielen. Beim diesjährigen Turnier waren zirka 550 Zuschauer anwesend, was aufgrund der verringerten Mannschaftsanzahl ebenfalls ein Rückgang war. Noch im letzten Jahr besuchten fast 1.000 Zuschauer die Begegnungen.

Dafür gab es in diesem Jahr auch warmen Mittagstisch und einen Bierwagen direkt vom Verein, was natürlich zusätzliche Einnahmen in die Kassen des BFC spülte. Überhaupt wurde das Turnier damals ja sozusagen von Sven und Tom, den beiden Organisatoren, quasi aus einer Bierlaune heraus initiiert – natürlich mit dem wichtigen Aspekt, gegen übertriebene Polizeigewalt zu mahnen und an den sinnlosen Tod eines jungen Menschen zu erinnern.

Das Turnier, welches über ganze neun Stunden ging, stand auf sehr hohem fußballerischen Level. Die beiden festen Schiedsrichter, Jaqueline und Gigor, hatten keinerlei Probleme mit den durchweg sehr fair geführten Partien. Dass es rund um die Spiele ebenfalls sehr ruhig zuging, lag auch an der geringen und entspannten Polizeipräsenz. Es kam zu keinerlei Konflikten mit dem Staatsschutz, alles blieb friedlich.

Der Sieger des diesjährigen Turniers war die Mannschaft von X-Treme, welche mit 25:4 Toren alle Spiele gewinnen konnte. Lobend zu erwähnen war auch das Team des FC Kosovo, das in der Vorrunde mit 14:0 Toren sämtliche Spiele gewinnen konnten. Sie scheiterten erst im Viertelfinale am diesjährigem Vizemeister. Bei dem Team Kosovo handelte es sich um den Vater eines Jugendspieler des BFC, der diesen Namen aufgrund seiner Herkunft ins Leben gerufen hatte. Schade für den Boxclub aus Wurzen, der sich nach dem Achtelfinale unfreiwillig verabschiedete, da das Team leider schnell weg mußte. Die kompletten Platzierungen findet man im Forum des BFC Dynamo.

Der Dank im Namen von Ostfussball.com geht an dieser Stelle an Tom (Organisator) und dem Trio (Fotos).

[Andreas U.] & [ab]


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2 Antworten to BFC Dynamo: Mike-Polley-Gedächtnisturnier 2010

Andreas U

September 7th, 2010 at 11:22

Für die jungen Fans unter uns, Auswärtsfahrten mit dem BFC waren damals nie reine Pilgerfahrten. Wer auswärts fuhr, gerade in bestimmte “Zonen”-Gebiete wusste schon, das es “krachen” könnte. Allerdings war dieses Phänomen nicht nur auf den BFC beschränkt und keineswegs nur auch nur auf den Osten Deutschlands. Auch im Westen wusste man um dieses Problem. Peter Neururer sagte mal in der Sendung “Heimspiel”: “In den 80ern war es ganz normal, das sich in der Halbzeitpause der Heimblock Richtung Gästeblock bewegte. Das nahm man als Auswärtsfahrer in Kauf, aber schließlich musste die Heimfans auch zu uns. Man sah sich ja immer zweimal in der Saison.”

Mit der Wende herrschte aber gerade im Osten Chaos. Die “Zonis” konzentrierten ihren ganzen Hass nunmehr auf den BFC. Schon die Jahre vorher war es nie ohne gewesen, nur berichteten die Zeitungen damals kaum darüber. Jetzt konnte aber der “freie Bürger” sich austoben. Welch besseres Ziel gab es, als den bösen Stasi-Club. Zur gleichen Zeit, war es aber auch plötzlich “angesagt” zum BFC zu gehen. Und auch der BFC-Fan war plötzlich “frei”, im November`89 wird Jena geplündert und die Sicherheitskräfte verjagt.

In Leipzig November 90 war damals wieder ein größerer Mob unterwegs. Allerdings war alles friedlich, bis man am Stadioneingang erfuhr, das wir keine Karten bekommen. Also versuchte man über einen Seiteneingang in das Stadion zu kommen. Aber auch hier wird uns der Zutritt verwehrt. Plötzlich pfeifen Blendgranaten über unsere Köpfe hinweg. Daraufhin gerät die ganze Situation außer Kontrolle. Ein zurückgelassener LKW wird angezündet, vier weitere Fahrzeuge der Sicherheitskräfte zerstört.

Die Sicherheitskräfte drängen uns zu den Gleisanlagen zurück. Die hier liegenden Steine werden als Wurfgeschosse für etwa 15 bei einem Polizeiauto stehenden Beamte verwandt. Die Beamte sind etwa 30m bis 40m von den BFC-Fans getrennt. Dazwischen befindet sich außerdem noch ein Zaun. Urplötzlich und ohne Vorwarnung fallen Schüsse. Später wird man feststellen, das 58 (!) Schüsse auf die Fans des BFC abgefeuert wurden. Fünf davon trafen Mike Polley tödlich, fünf weitere Fans wurden verletzt.

Die Polizei gibt an, aus einer “Notwehrsituation” heraus gehandelt zu haben. Das Verfahren gegen die Beamten wird 1991 eingestellt.

[Edmond Dantes & Andreas U.]

admin

September 7th, 2010 at 14:17

Danke für den ausführlichen Bericht eines Augenzeugen aus Berlin von damals in Leipzig.

Und hier mal noch für alle die Spiegel-TV Reportage -> http://www.spiegel.de/video/video-1070479.html

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